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Hans Georg Graf«Der Arbeitnehmer der Zukunft ist eigenverantwortlicher Manager seiner Arbeitskraft»

Arbeitnehmer sollten sich ständig weiterbilden, sagt der Zukunftsforscher an der Hochschule St. Gallen.

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Beobachter: Die Erwerbstätigen werden immer älter können sie mit dem hohen Tempo in der Arbeitswelt noch mithalten?

Hans Georg Graf: Die Arbeitnehmer müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen. Sie können sich nicht mehr darauf verlassen, ein Leben lang den gleichen Job auszuüben. Die Berufstätigkeit wird auch nicht mehr schlagartig zu einem fixen Zeitpunkt enden, viele werden bis ins hohe Alter Erwerbsarbeit leisten. Firmen, die alle über 58-Jährigen pensionierten, machten schlechte Erfahrungen: Plötzlich wusste niemand mehr, wie gewisse Dinge funktionierten und es mussten Ältere zurückgeholt werden.

Beobachter: Ist das nicht graue Theorie? Heute sind viele Menschen bereits mit 60 ausgebrannt.

Graf: Wenn ein Polier sein Leben lang nichts als Mauern hochzieht, dann steht er mit 60 tatsächlich vor einer Wand, und es geht nicht weiter. Es müsste vorher eine Umorientierung stattfinden. Ein Polier lernt sehr viel. Er kann eine Baustelle viel besser organisieren als ein junger KV-Abgänger, der keine Ahnung vom Bauen hat. Wenn die Aufgaben vielfältiger und weniger anstrengend werden, besteht kein Grund mehr, alle Bauleute mit 60 in die Frühpension zu schicken. Aber der Polier muss sich selber um seine Berufskarriere kümmern und sich umschulen. Der Arbeitnehmer der Zukunft ist der eigenverantwortliche Manager seiner Arbeitskraft.

Beobachter: Was heisst das für die Frau an der Migros-Kasse?

Graf: Auch sie kann sich weiterbilden und zum Beispiel Hauptkassiererin werden. Wenn sie das nicht möchte, muss sie das Risiko akzeptieren, dass die Kassen womöglich automatisiert werden und ihre Arbeitskraft überflüssig wird.

Beobachter: Wie wird die Arbeitswelt im Jahr 2025 aussehen?

Graf: Einerseits werden die Bedeutung des Wissens und die Anforderungen an die Flexibilität steigen. Anderseits wird das Angebot an Arbeitskräften zurückgehen. Ohne Zuwanderung wäre die Bevölkerung schon seit 1975 nicht mehr gewachsen, und wir hätten bereits jetzt zu wenig Arbeitskräfte.

Beobachter: Die Schweizer müssten also den Ausländern dankbar sein?

Graf: Allerdings. Es ist ökonomisch eindeutig so, dass ein Grossteil des Wohlstands der Schweiz den ausländischen Arbeitskräften zu verdanken ist. Wir brauchen Einwanderer, aber die Überalterung kann so nicht gestoppt werden. Dafür müssten in den nächsten 20 Jahren etwa 2,5 Millionen Menschen einwandern zu viele, um sie integrieren zu können.

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Veröffentlicht am 04. Juli 2003