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LernenDer Denkzettel

Lerntherapeuten empfehlen, vor jeder Prüfung einen Spickzettel zu schreiben. Die verbotenen Helfer können Wunder bewirken. Denn wer einen Spick schreiben kann, hat den Stoff begriffen.

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Prüfungsangst? Ja.» Die junge Frau mit der Schärpe über der Brust schmunzelt. «In der Schule hatte ich fast für jede Prüfung einen Spick auf Lager, oft im SMS-Archiv des Handys gespeichert. Meistens war ich aber zu nervös, um es herauszuziehen.» So, so – Miss Zürich 2005, Ellen Tkatch, eine Spickerin. Lachend erklärt die 20-Jährige: «Mein Spick gab mir stets Sicherheit für den Fall der Ausfälle.»

Eine Rechtfertigung ganz anderer Art liefert Bundesrat Moritz Leuenberger: «Eigentlich war das auch ein politisches Engagement.» Minuten zuvor hatte er einer Schulklasse seine Spicktechnik fürs Kollektiv verraten: Texte auf die Wandtafel schreiben, die aussehen, als seien sie aus der vorangegangenen Deutschstunde, dabei in jedes zweite Wort Teile des Geschichtsstoffs einbauen – und den anderen verraten, wie das System funktioniert.

Schummeln in Tests hat Tradition. Seit Generationen schon ist die dazugehörige Trickkiste ein Erbe, das gerne angetreten und lustvoll ausgebaut wird. Je moderner die Zeiten, desto raffinierter werden die Methoden. Wo früher der Spickschieber im Block, der Spickzettel unterm Rock oder das beschriftete Pflaster herhalten mussten, greifen Prüflinge heute auf Handy-Datenbanken und spezielle farblose UV-Tusche zurück. Verwerflich? «Bedingt. Einen guten Spickzettel zu schreiben ist eine Kunst», sagt Rachel Zürcher, Co-Präsidentin des Schweizerischen Berufsverbands der diplomierten Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten.

Je kompakter, desto besser

Der berüchtigte Spickzettel als Lerninstrument? «Ob Spickzettel, Karteikarten, Handynotiz oder Mind-Map – das Prinzip funktioniert ähnlich», erklärt die Fachfrau. «Wer bergeweise Lernstoff vor sich hat, dem graut verständlicherweise.» Spickzettelschreiber stellten sich genau jene Fragen, auf die es auch beim Lernen ankomme: Was weiss ich noch nicht, was ist wichtig, wie kann ich es komprimieren? Meist werde unweigerlich erst gelesen, dabei mit dem Marker Wesentliches unterstrichen und so der Lernstoff strukturiert. Ihr Tipp: Nach zehn Sätzen jeweils den Inhalt am Rand in einem Satz zusammenfassen. Dann die Zusammenfassungen nochmals zusammenfassen. Zum Schluss genügten oft blosse Stichworte als Gedankenstütze. Den Rest habe man im Kopf. «Je kleiner und kompakter ein Spickzettel ist, desto besser hat man sich mit dem Stoff auseinander gesetzt und umso länger wird man sich daran erinnern», so die Expertin.

Auch bei Versagensängsten können die verbotenen Helferchen Wunder wirken. «Ein Spick, gerade wenn er nicht genutzt wird, beruhigt und gibt Sicherheit. Oft hat man ihn gar vor Augen und kann imaginär davon ablesen», erläutert Zürcher, wohl wissend, dass die zeitaufwändige Spickzettelschreiberei als Lerntechnik nicht jedermanns Sache ist.

Wer wie besonders gut lernt, hängt auch vom so genannten Lerntyp ab. Zwar sind diese Kategorien pädagogische Konstrukte und Mischtypen die Regel. Auch sind sie in Fachkreisen nicht unumstritten, doch helfen sie oft, Verhaltensmerkmale zu erkennen. Die Zürcher Psychologin Regula Schräder-Naef unterscheidet:

  • Dem verbal-abstrakten Typ gehören die meisten Menschen an. Durch Lesen und Hören bleibt bei ihnen der Wissensstoff im Gedächtnis haften.

  • Wer durch Sehen und Beobachten lernt, gehört zum visuellen Lerntyp.

  • Haptische Typen lernen durch eigenes Tun und nachvollzogene Handlungen.

  • Der Gesprächstyp lernt durch sprachliche Auseinandersetzung und Verstehen im Dialog.

  • Beim auditiven Lerntyp steht das Zuhören im Vordergrund.


Büffeln nach Schema F muss also nicht sein. Je nach Neigung lernt es sich mit persönlichen Eselsbrücken – etwa Orte, Zahlen, Sätze aus den Lieblingsbüchern – oder aber in Lerngruppen besser. Warum nicht mit Kollegen in der Badi abmachen und dort eine Stunde über den Lernstoff diskutieren? So stellt man eigene Lücken fest, kann von den anderen lernen und sie gleichzeitig unterstützen. Selbst gebastelte Lernplakate, die Formen mit Inhalten verbinden oder auf denen Teile des Stoffs gezeichnet werden, helfen, die grauen Zellen per Kreativität anzuregen. Wie wäre es mit Spicken via Talisman? Dabei werden kleine Gegenstände mit Daten oder Vokabeln benannt. Ein Griff in die Hosentasche schaltet im Notfall das Gedächtnis ein. «Damit Lernen Spass macht, sollten so viele Sinne wie möglich eingesetzt werden», rät die Lerntherapeutin Rachel Zürcher.

Spicke zu kreieren ist das eine, sie zu nutzen etwas anderes. Wer auffliegt, bringt auch toleranteste Lehrpersonen in die ungemütliche Situation, strafen zu müssen. «Chronische Spicker täuschen schliesslich nur sich selber. Darum lieber den Spick im Hosensack behalten und am Schluss auf die eigene Leistung stolz sein», doziert vorbildlich Miss Zürich Ellen Tkatch. Und auch Moritz Leuenberger schiebt pflichtbewusst hinterher, die besten Spicke seien immer noch jene, die man im Kopf habe.

Internet


Beratung und Information

  • Schweizerischer Berufsverband der diplomierten Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten, www.lerntherapie.ch


Buchtipps

  • Ellen Arnold: «Jetzt versteh ich das»; ab 6 Jahren, Mülheim 2000, 80 Seiten, Fr. 15.30

  • Regula Schräder-Naef: «Rationeller Lernen lernen»; für Studierende und Erwachsene in der Weiterbildung, Weinheim 2003, 224 Seiten, 36 Franken

  • Nicole Bisig, Walter Noser: «Gut begleitet durch die Schulzeit. Wegweiser für Eltern»; Beobachter-Buchverlag, 2004, 240 Seiten, 34 Franken
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Veröffentlicht am 15. August 2005