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HeimarbeitDer Arbeitsplatz im trauten Heim

Heimarbeit bietet viele Vorteile, doch bei der Stellensuche ist Vorsicht geboten: Seriöse Angebote findet man nicht in Kleininseraten mit überrissenen Lohnversprechen. Worauf Sie achten sollten und wo es solide Jobs gibt.

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«Endlich sorgenfrei! 7500 Franken im Monat bei freier Zeiteinteilung!» Oder: «Lernen Sie eine 100-prozentig bewährte Methode kennen, mit der Sie viel Geld von zu Hause aus verdienen können.» In wirtschaftlich schlechten Zeiten boomen sie, die Angebote für Nebenjobs, die sofort und üppig sprudelnde Geldquellen seien. Entsprechend vollmundig klingt es in den Kleininseraten und Internetanzeigen. Wie genau man das viele Geld verdienen kann, bleibt meist nebulös. Und häufig muss man erst etwas bezahlen, bevor es ans Verdienen geht. Von solchen Angeboten sollte man die Finger lassen, empfiehlt die Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit (SZH), auch oder gerade wenn man in einer Notlage sei.

Dabei hat eine – seriöse – Arbeit in den eigenen vier Wänden durchaus auch Vorteile: Man entscheidet im Idealfall selbst, wie man die Arbeit einteilt, hat einen ultrakurzen Arbeitsweg und kann Job und Familienleben besser organisieren. Viele sehen in solchen Jobs einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. «Wer dringend ein Einkommen braucht, schöpft alle Möglichkeiten aus», sagt Alfred Eger, Gewerkschaftsvertreter im Verband für Heimarbeit (SVH). Doch eines sollte man sich klarmachen: Heimarbeit unterliegt weitgehend den gleichen Schwankungen wie der «normale» Arbeitsmarkt – zurzeit übersteigt die Nachfrage das Angebot bei weitem, und vor allem seriöse Jobs sind schwierig zu finden. Eger rät, sich direkt bei den Firmen zu bewerben, und warnt vor Arbeitsvermittlern, die eine Gebühr verlangen.

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Gesetz gilt nur für Gewerbe und Industrie

Wie viele Heimarbeitende es in der Schweiz insgesamt gibt, weiss man nicht genau. Die Angaben schwanken je nach Studie zwischen 16'000 und 64'000, mehr als 80 Prozent sind Frauen. «Es fehlt verlässliches Zahlenmaterial, seit die Kantone kein Heimarbeiterregister mehr führen müssen», sagt Alfred Eger. Ein Missstand sei, dass der Dienstleistungssektor im Heimarbeitsgesetz ausgeklammert ist – als Heimarbeit gilt nur gewerbliche und industrielle Hand- und Maschinenarbeit.

Das wirkt sich nicht nur auf die Statistik aus, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen in anderen Branchen. Das Gesetz schreibt zum Beispiel vor, dass sich der Lohn für Heimarbeit nach jenen Ansätzen richten muss, die auch in den Betrieben gelten. Wer aber Arbeiten aus dem Dienstleistungssektor zu Hause per Telefon oder Computer erledigt, also Telearbeiter ist, kann sich nicht auf das Heimarbeitsgesetz berufen. Dabei hat gerade die Zahl der Telearbeiter-Jobs in den letzten Jahren zugenommen: Daten- und Texterfassung gehören dazu, Buchhaltung, Marktforschung oder Übersetzungen.

Viele Firmen fürchten Kontrollverlust

Einen minimalen Schutz erhalten Telearbeiter aber durch das Obligationenrecht, das den Heimarbeitsvertrag in groben Zügen regelt (Art. 351 ff. OR). So hat zum Beispiel auch der Heimarbeiter im Dienstleistungsbereich Anspruch auf Lohnfortzahlung bei Krankheit und kann eine halbmonatliche Lohnzahlung und -abrechnung verlangen.

«Telearbeit hat nach wie vor ein schlechtes Image», sagt Hans Peter Zutt, der als Schweizer Pionier in dieser Branche gilt. Er hat die Arbeitsplätze seiner Kommunikationsagentur bereits vor mehr als 20 Jahren dezentralisiert. Heute arbeitet der 63-Jährige selbst als Telearbeiter seinem Sohn zu, der das Unternehmen mittlerweile führt. Zutt ist überzeugt, dass sich viele Leute Telearbeitsplätze wünschen. Aber nach wie vor stünden die meisten Firmen dieser Arbeitsform skeptisch gegenüber – auch das ein Grund dafür, dass solche Anstellungen rar sind. «Viele Vorgesetzte glauben, die Leute besser kontrollieren zu können, wenn sie in Sichtweite sind», sagt Zutt. Das jedoch sei ein Trugschluss, zumal er aus eigener Erfahrung wisse: Daheim zu arbeiten erfordere ein Höchstmass an Selbständigkeit und Selbstdisziplin. Und wenn man nicht zuverlässig sei und pünktlich liefere, habe man bei dieser Form der Beschäftigung sowieso schon verloren.

Arbeit und Privates trennen

Wer zu Hause ein Büro aufmachen will, dürfe sich keiner Illusion hingeben, warnt Hans Peter Zutt. Der Arbeitstag sei hart, und ausserdem neigten Heimarbeitende zur Selbstausbeutung – zumal die Arbeitgeber insbesondere von jenen maximale Flexibilität verlangten, die sich ihre Zeit selbst einteilen können.

Zutt empfiehlt darüber hinaus, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Der Partner oder die Familie müssen lernen, dass man zwar daheim, aber eben bei der Arbeit ist. Zudem müsse man auch mal die Tür zumachen können, um sich auf eine Arbeit zu konzentrieren. Am besten funktioniere man gleich ein ganzes Zimmer zum Büro um. Denn am Wohnzimmertisch zu arbeiten, während auf dem Fussboden ein Kleinkind quengle, das verursache unausweichlich Stress.

Stellensuche

Seriöse Angebote: Wege zum Erfolg

  • Fragen Sie Ihren (ehemaligen) Arbeitgeber, ob er Angebote für Heimarbeit oder Telearbeit hat.

  • Fragen Sie berufstätige Freunde und Bekannte, ob ihre Arbeitgeber Heimarbeit vergeben.

  • Prüfen Sie regelmässig die Stelleninserate in den Zeitungen. Bewerben Sie sich direkt bei Betrieben, die in Frage kommen, und geben Sie an, an Heimarbeit interessiert zu sein. Bei einigen Firmen ist es durchaus möglich, Spezialaufgaben in Heim- oder Telearbeit zugeteilt zu bekommen.

  • Heimarbeit wird zum Teil in Teams erledigt, für die Arbeitsräume oder Ateliers in der Nähe des Wohnorts zur Verfügung stehen. Fragen Sie bei Ihrer Gemeinde an, ob es dort solche Teams gibt, und bewerben Sie sich schriftlich.

Woran Sie dubiose Angebote erkennen

  • Die Adresse des Anbieters ist nicht klar ausgewiesen. Auskunft oder Informationen gibt es nur über eine teure 0900-Nummer.

  • Es werden Vorauszahlungen verlangt, seien es auch nur geringe Beträge.

  • Es werden teure Seminare angeboten oder kostenpflichtige Kurse vorausgesetzt.

  • Es wird nur vage beschrieben, um welchen Job es sich handelt.

  • Es steht nirgends, welche Qualifikation Sie mitbringen müssen.

  • Die Informationen sind diffus, so dass Sie das Wesentliche nicht erkennen.

  • Sie sollen neue Teilnehmer anwerben.

  • Es wird ein Verdienst praktisch ohne Aufwand oder gleich das grosse Geld versprochen.

  • Es werden nur ungenaue Angaben über den Verdienst gemacht.

  • Sie werden aufgefordert, ein Bankkonto für die Bewerbung zu eröffnen oder Software herunterzuladen.

  • Der Anbieter will keinen schriftlichen Vertrag ausstellen. Ein Heimarbeitsvertrag sollte folgende Punkte enthalten: Art der Arbeit, Arbeits- und Zeitumfang, Lohn, Spesen für Geräte und Auslagen, Einarbeitungszeit, Probezeit, Ferien, Kündigungsfrist. Wichtig: Heimarbeit ist in der Regel als unselbständige Arbeit definiert. Der Arbeitgeber muss also anteilmässig Sozialversicherungsbeiträge bezahlen.
Veröffentlicht am 31. August 2009