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IndustriekulturDie Retter der Industrie-Nation

Immer mehr Maschinen und Bauten aus der Industrie-Epoche verschwinden. Zum Glück gibt es Pascal Troller und Hans-Peter Bärtschi: Sie machen sich den Schutz des industriellen Erbes zur Lebensaufgabe.

Dank ihnen läuft die historische Nagelfabrik Winterthur seit 1895: Pascal Troller (links) und Hans-Peter Bärtschi.
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Jede Burgruine wird zurechtgemacht, jedes römische Fundament kommt unter Denkmalschutz. Aber eine Fabrik? Oft sind Hans-Peter Bärtschi und Pascal Troller da die Einzigen, die sich engagieren. «Wir machen das aus reiner Notwehr», sagt Bärtschi. «Sonst werden die letzten Zeugen der Industrie-Epoche abgerissen und verschrottet.» Einer dieser Zeugen ist die «Nagli» in Winterthur mit ihren fünf Maschinen. Ein Schritt über die Schwelle, und man betritt ein entschwundenes Jahrhundert. Stahlgeruch und Motorengebrumm. Der ganze Schaubetrieb in der Halle ist original. Seit 1895 werden hier ununterbrochen «Stifte in Schweizer Qualität» produziert. Das Gesumm schwillt an, Lederriemen spannen sich, bringen die Kraft auf die Achse an der Decke und von da zu den Schlagmaschinen, die gleich zum Leben erwachen werd

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Hans-Peter Bärtschi ist in Winterthur aufgewachsen, zwischen Rangierbahnhof, Lokfabrik, Sulzer und Rieter, und hat den Niedergang der Industrie selbst erlebt. Als Wirtschaftshistoriker und Architekt erkannte er früh, wie sehr das Erbe des Maschinenzeitalters gefährdet ist. Heutige Manager sehen darin meist nur Schrott; nur wenige Historiker kümmern sich um das Material, manche Denkmalämter tun sich schwer. Anders als in England, Deutschland und Frankreich, wo sich der Nationalstolz an der Industrie aufrichtet, ist sie in der Schweiz nicht in die nationale Ikonographie eingegangen. So feiert Essen im Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt 2010 das industrielle Erbe aufwendig und millionenteuer als Identitätsstifter und ureigenen Wert. «Die Schweiz hingegen konstruiert ihr Bild immer noch von der Agrarepoche her», sagt Bärtschi. Auch im Landesmuseum ist die Maschinenzeit nur eine Episode, die sofort in die Dienstleistungs-Schweiz mündet. «Die Epoche ist noch zu nah, als dass man sie als historisch wertvoll erkennt. Zugleich ist sie so fern, dass sie nicht mehr zum eigenen Leben gehört», glaubt der 60-Jährige.

Ab April sollen hier 20 von 40 historischen Maschinen wieder laufen: heutige...

100 Jahre Geschichte werden vernichtet

Dabei prägte die Industrie 100 Jahre lang Städte, Landschaften und die gesellschaftlichen Verhältnisse. Spinnereien, Webereien, Textil- und Dampfmaschinen, Lokomotiven, Motoren, Turbinen, Farben katapultierten die Schweiz im 19. Jahrhundert vom Agrarland zum Industriestaat und machten sie nach 1945 zur zweitgrössten Exportnation von Industriegütern weltweit. «Tempi passati», sagt Bärtschi. Ab 1970 zog die Produktion nach Asien, die Konzerne wurden zerschlagen, verkauft oder mutierten zu Verwaltungen. Heute dominiert die Finanzbranche die Wirtschaft und das Selbstbild des Landes. Als Bärtschi 1979 seine Firma Arias-Industriekultur gründete, war er Pionier. Industriearchäologie und Industriekultur waren noch Fremdwörter. Als erhaltenswert galt nur mobiles Gut wie Loks, Autos und Fluggeräte, die im Verkehrshaus Luzern unterkamen. Für Bärtschi jedoch sind Kamine, Maschinen, Fabrikhallen, Wehre, Gleise, Stellwerke und Remisen erhaltenswert wie Burgen und Barockbauten. «Die materielle Produktion ist unsere Lebensgrundlage», sagt er. Dieses Erbe solle man pflegen, ehren und verstehen. «Wenn wir es aufgeben, verlieren wir den Boden unter den Füssen.» Seit mehr als 30 Jahren forscht er, wo Objekte vor sich hin rosten, greift ein, wenn sie abgewrackt werden, macht Wirbel, wenn Firmen und Ämter schlafen oder «Industriebrachen» schleifen wollen, und bringt das Erbe mit Büchern, Artikeln und Ausstellungen ins Bewusstsein. Bärtschi hat mit seiner Firma das frühere Lokführerhaus bezogen, mitten im Gleisfächer des Winterthurer Bahnhofsvorfelds. Jede Minute donnert ein Zug vorbei, die Reliquien an den Wänden zittern, Emailschilder, Laternen, Signale. Im Dachstock haben Dokumente Zuflucht gefunden. Sieben Tonnen Bücher, Pläne und 400000 Fotos hat Bärtschi gesammelt – ein Schatz, den er hütet als Hohepriester der Industriekultur. «Wir müssen dafür sorgen, dass der Faden nicht abreisst», sagt er.

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Faszinierend, wenns dreht, lärmt und stinkt

In der «Nagli» legt der Maschinist einen Hebel um, brummend erwacht die erste Maschine zum Leben. Das Schwungrad wuchtet den Hammer hoch, er saust nieder – zack! Die Besucher zucken zusammen und sind sofort gebannt vom Tanz der Räder, Bolzen und Klemmen. Oben rutschen Rohlinge in eine Schiene, im Sekundentakt erhalten sie einen Kopf verpasst, Greiferchen fassen, Schieberchen stupsen, unten tröpfeln die Nägel in eine Kiste. Nun fällt die zweite Maschine in den Takt. Die Halle dröhnt, die Fabrik hat ihren Herzschlag wieder. Es klopft und orgelt und stampft – die Symphonie der Produktion. «Industrie ist nicht romantisch, aber auf andere Art emotional», sagt Bärtschi. «Die Faszination kommt, wenn sie alle Sinne anspricht, dreht, lärmt, stinkt.» Produziert wird heute weit weg, abstrakt und schwer nachvollziehbar. Die historischen Anlagen machen wieder erlebbar, wie etwas entsteht, wie ausgeklügelt ein Prozess ist und was an Können drinsteckt. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass die Zeugen weit verstreut liegen. Fabriken, Stahlbrücken und Öfen kann man nicht ins Museum tragen und fürs Publikum arrangieren. Es braucht andere Konzepte. Etwa Industriepfade wie im Zürcher Oberland oder Bahnwanderwege wie am Lötschberg und am Gotthard. Am häufigsten gelingen Umnutzungen, wo wenige, markante Elemente wie Fassaden oder Kamine stehen bleiben. Dass ein Objekt zum lebenden Museum wird wie die «Nagli», ist die Ausnahme. Gelungen ist das mit Bärtschis Hilfe etwa beim Mühlerama in Zürich, beim Pumpwerk La Coulouvrenière in Genf, bei der Papiermaschine von 1928 in Bischofszell. Ein Glücksfall ist Neuthal. Das ganze Ensemble der Spinnerei Guyer mit Wasserkraftanlagen, Maschinenhaus, Bahngleis und Fabrikantenvilla ist als Museum erlebbar. Zudem öffnet dort im April die weltweit grösste Sammlung von Webmaschinen; 20 der 40 Maschinen werden laufen. Wie schwer Geld für Rettungsaktionen aufzutreiben ist, weiss Pascal Troller. Der 54-Jährige ist Dampflok-Fan und zog 2004 für 400'000 Franken die Restaurierung der SOB-Lok Nr. 4 «Schwyz» durch. Seither arbeitet er als Geldbeschaffer mit Bärtschi zusammen. Erst muss er jeweils den Besitzer eines Objekts überzeugen. Dann sucht er Geldgeber, die einen Bezug zum Objekt haben – Private, Firmen, Stiftungen, Gemeinden, Kantone. «Wir dachten nicht, dass die Industrie so schnell Geschichte wird. Jetzt sind wir überrumpelt und müssten überall sein», sagt Troller. «Aber die Industriekultur hat keine Lobby.» So bleibt es an den wenigen Angefressenen hängen, die für wenig Geld viel arbeiten und hohe Risiken eingehen: «Ich weiss jeweils erst im Dezember, ob ich nächstes Jahr noch arbeiten kann.» Bärtschis Firma mit acht Mitarbeitern braucht jährlich eine halbe Million Franken. Manchmal kommt genug herein, dann wieder fast nichts. «Das ist Highrisk, denn wir müssen viele Projekte vorfinanzieren, während die Ämter unsere Bettelbriefe herumschieben», sagt Bärtschi. 85 Prozent der Gelder kommen von Privaten und Lotteriefonds, nur 15 Prozent aus Steuermitteln. «Bei 60 Stunden pro Woche reichte es allemal für einen Putzfrauenlohn», meint er sarkastisch. Aber es ist ihm ernst: «Es kann doch nicht sein, dass eine so wichtige öffentliche Aufgabe vom Engagement einiger Überzeugungstäter abhängt.»

Das Rezept zur Rettung: Vereine gründen

In drei Jahren wird sich Bärtschi zurückziehen. Was aus seinem Lebenswerk und den Industrieschätzen wird, ist offen. Institutionalisiert ist die Aufgabe nicht. Beim Bund gibt es kaum Geld und keine Strategie, ausser bei SBB und Post. Ein paar Kantone wie Zürich, Thurgau und Genf tun einiges. Kaum einer jedoch hat den Schutz der Maschinenzeit im Pflichtenheft und im Budget der Denkmalpflege. Wenn ein Denkmalpfleger kein Sensorium und der Lotteriefonds gerade kein Geld hat, geht nichts. Deshalb setzt Bärtschi auf Privatinitiative. Er gründet jeweils Trägervereine aus lokalen Enthusiasten, die ehrenamtlich arbeiten. 40 Vereine hat er so schon auf die Beine gestellt. Im Büro fährt Bärtschi mit dem Finger über die Landkarte. Hunderte Objekte hat er markiert. Er kennt alle und inventarisiert sie für ein weiteres Projekt, die Informationsplattform für schützenswerte Industriekulturgüter ISIS. Damit leistet das Arias-Team auch Grundlagenarbeit. Eine Liste der Industriezeugen hat der Bund nämlich bisher nicht zustande gebracht; die Bauten laufen nur in den Inventaren der schützenswerten Ortsbilder und der historischen Verkehrswege mit. Bern und Zürich hat Arias bereits erfasst, in der Nordostschweiz ist man dabei. Bisher sind es 3150 Objekte. Aber wichtige Gebiete wie die Nordwest- und die Zentralschweiz fehlen noch. ISIS soll den landesweiten Überblick verschaffen und Vergleiche ermöglichen, damit die Mittel gezielt eingesetzt werden können. «Heute wird das Geld verträufelt, weil die Koordination fehlt», sagt Bärtschi. Es wird zu viel Gleiches erhalten. Das verhindert eine systematische Sammlung und führt dazu, dass gewichtige Dinge verlorengehen. «Industriekultur liegt uns am Herzen», versichert Oliver Martin, zuständig für Heimatschutz und Denkmalpflege im Bundesamt für Kultur. Er verweist auf die Hilfe des Bundes für die Unesco-Kandidaturen La Chaux-de-Fonds, Le Locle und Rhätische Bahn. «Aber letztlich sind die Kantone zuständig», sagt er. Gerade bei grossen Projekten müssten laut Bärtschi Bund, Kantone und Gemeinden aber zusammenspannen und mit viel grösserer Kelle anrichten. So auch bei seinem jüngsten Projekt: Er will die europaweit herausragende Sammlung von 50 Dampfmaschinen in die Sulzer-Stadt holen, nachdem das Vaporama Thun Konkurs gemacht hat. Fünf Millionen braucht es, sonst wird sie verhökert. «Ich habe schon mal den privaten Trägerverein Dampfzentrum Winterthur gegründet, meinen einundvierzigsten», sagt Bärtschi.

Konkurs abgewendet: In diesem Artikel heisst es, dass das «Vaporama Thun Konkurs ­gemacht» habe. Tatsächlich konnte der ­bevorstehende Konkurs der Vaporama-Genossenschaft unmittelbar vor Erscheinen des Artikels in letzter ­Minute abgewendet werden. Das Aus in Thun für die europaweit einzigartige Sammlung von 50 Dampf­maschinen bleibt jedoch besiegelt. Die dazugehörige Stiftung wird aufgelöst und liquidiert. Für die Dampfmaschinen soll ein Standort in Winterthur oder Grenchen gefunden werden.
Die Redaktion

Veröffentlicht am 12. Februar 2010

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CNe
Wurden frühere Generationen noch im Schulunterricht z.B. im Werkunterricht für die Handwerkskunst und Technik begeistert, vermögen die heutigen Schulen mit ihren gekürzten Budgets (Hauswirtschaftsunterricht gestrichen?) leider nicht mehr den Stoff mit demselben Herzblut und Überzeugung zu vermitteln. Leider werden momentan andere Prioritäten gesetzt und sei dass nur beim Frühenglisch am besten gleich nachdem der "Nuggi" abgesetzt ist. Ich finde mich mit Englisch sehr gut zurecht, und das, obwohl ich nie Englischunterricht nahm. Es ist jedem sein eigenes Fundament, auf welchem er seine Bildung aufbauen möchte und kann. Interesse ist dabei das wichtigste. Ich wünsche allen, dass sie niemals das Interesse an der "vergangenen Technik" verlieren. Aber Ägypter und Inkas gingen ja au...