1. Home
  2. Arbeit
  3. Arbeitgeber
  4. Arbeitsplatz: Achtung, neuer Chef!

ArbeitsplatzAchtung, neuer Chef!

Wechsel auf der Führungsetage bergen Zündstoff. Plötzlich ist nichts mehr recht, alles soll anders werden. Wie die Zusammenarbeit dennoch klappt – und wogegen sich Mitarbeiter wehren können.

von

Ältere Mitarbeiter wert­schätzen. Auf ihre Erfahrung und ihr Know-how zurückgreifen. Mit ihnen die Zukunft der Firma gestalten. Das hört man heute oft – aber für Hans Baumann* sind es «Sonntagssprüche». Der 59-Jährige erlebt im Moment genau das Gegenteil. «Mein neuer Chef gibt mir jeden Tag zu verstehen, dass ich zum alten Eisen gehöre und er auf mich gut verzichten kann.»

Dabei weiss der Bauzeichner, dass er sich Re­spekt erarbeitet hat während seiner 28 Jahre im Planungsbüro. Die bis­herigen Chefs schätz­­ten sein Fachwissen – und dass er auch bei schwierigen Projekten Ruhe bewahrte.

Aber beim neuen Vorgesetzten zählt das alles nicht. Über die Gründe kann Baumann nur spekulieren – eine Aussprache hat es bislang nicht gegeben. Tatsache aber sei: Der «Neue», ein Theoretiker von der Hochschule, komme schlecht an mit seiner Art, die Mitarbeiter von oben herab zu behandeln. Das provoziere Ablehnung und löse Frust aus. «Und dass sich die Leute darüber bei mir ausheulen, mich fragen, was sie tun sollen, macht mich beim Neuen sicher nicht beliebter.»

Was Hans Baumann erlebt, ist weit verbreitet: Junge Führungskräfte lehnen ältere Mitarbeiter ab, weil sie in ihnen nur Altlasten und Bremsklötze sehen. Oder aber, weil sie sich vor ihrem Wissensvorsprung und ihrer natürlichen Autorität fürchten. Doch auch der um­gekehrte Fall ist an der Tagesordnung: Die Alten widersetzen sich den Jungen. Weil es ihnen gegen den Strich geht, sich vom nassforschen Nachwuchs erklären zu lassen, wo­rauf es ankommt in der modernen Arbeitswelt.

Anzeige

Angst, als Weichei zu gelten

Chefwechsel sind heikel und konfliktträchtig. Weil damit stets Unsicherheit verbunden ist, und zwar auf beiden Seiten: Mitarbeiter sorgen sich, dass ihre Leistung unter der neuen Führungsriege nichts mehr wert ist, sie schlechtergestellt oder sogar wegrationalisiert werden. Auf der anderen Seite wissen die neuen Vorgesetzten, dass man Impulse von ihnen erwartet. Dabei schiessen sie oft übers Ziel hinaus, «regieren» mit harter Hand – aus lauter Angst, sonst als Leichtgewicht oder Weichei zu gelten.

Manche verleugnen sogar ihre Persönlichkeit, «um sich in der neuen Rolle als Führungskraft zu profilieren», sagt Katrin Juntke, Karriereberaterin aus Brütten ZH. Mit dem Ergebnis, dass sie unsicher wirken, weil sie nicht mehr authentisch sind. Das bietet Angriffsfläche und verleitet zu Fehlern.

Einer der schlimmsten: «Entscheidungen treffen, ohne Zusammenhänge und Hintergründe zu kennen und ohne mit den betroffenen Mitarbeitern gesprochen zu haben», sagt Renato C . Müller vom Institut für Organisation und Personal der Universität Bern. Das Ergebnis ist kontraproduktiv. Nicht nur, weil sich viele Schnellschüsse als Flops erweisen. Mit Aktivismus schüren neue Chefs auch Misstrauen im Betrieb und provozieren Widerstand, denn fast zwangsläufig stelle sich bei den Mitarbeitern das Gefühl ein, vorher alles falsch gemacht zu haben, erklärt Katrin Juntke. Klug hingegen wäre, zunächst einmal das zu schätzen, was bislang geleistet worden ist. So lasse sich das Vertrauen der Belegschaft gewinnen. Und dieses ist Voraussetzung, damit die Leute Veränderungen mittragen.

Weitere Fettnäpfchen, in die neue Chefs häufig treten: unablässig darauf hinweisen, dass jetzt alles besser, weil professioneller und effizienter wird. Ängste und Sorgen der Mitarbeiter ignorieren. Keine Rücksicht nehmen auf die Betriebskultur. Verschweigen, wie man führen will und was die Belegschaft erwarten kann. Den Kon­takt zu seinen Leuten scheuen, sich stattdessen durch Vorurteile leiten lassen.

«Auf der schwarzen Liste»

Wie man sich bei alledem als Mitarbeiterin fühlt, musste Verena Keller* erfahren. «Ich war von Anfang an auf der schwarzen Liste», sagt die Verkäuferin. Sie galt bei der neuen Filialleiterin als diejenige, die sich Anweisungen widersetzt und intrigiert. Die 50-Jährige räumt ein: «Im Team gab es Probleme.» Der Ex-Chef habe nicht nachvollziehbare Entscheidungen durchgedrückt und angefangen, die Leute zu schikanieren. «Als dann klar war, dass er gehen muss, hat er uns offenbar bei der neuen Chefin angeschwärzt», vermutet Verena Keller. Sie leidet unter der Situation, auch gesundheitlich.

Und sie wird das ungute Gefühl nicht los, dass sie die Nächste sein wird, der man kündigt. Dankbar wäre sie für ein klärendes Gespräch, doch mit dieser Bitte ist sie bislang abgeblitzt, auch bei der Personalabteilung. Verstehen kann sie das nicht: «Man hätte mich doch zu den Vorwürfen anhören müssen.»

Beim Abgang bitter enttäuscht

Auch Hans Baumann sieht für sich keine Zukunft mehr im Planungsbüro. Es tue ihm weh, aber auf Kampf wolle er sich nicht einstellen. Bei einem Bekannten kann er ein 70-Prozent-Pensum antreten. Was ihn bitter enttäuscht: «Dass mich der neue Chef kein einziges Mal nach meiner Meinung gefragt hat.» Nicht, dass Baumann je Ambitionen verspürt hätte, selbst die Geschäftsführung zu übernehmen – «Administratives und Organisatorisches, das liegt mir gar nicht». Aber mit seinem langjährigen Praxiswissen hätte er vielleicht den einen oder anderen guten Rat geben können. «Das aber liess wohl der Stolz des Neuen nicht zu.»

So kommen Sie mit dem «Neuen» klar


  1. Begegnen Sie Ihrem neuen Vorgesetzten ohne Vorbehalte. Denn auch er ist un­sicher, weiss vieles noch nicht, muss sich erst einarbeiten – und ist auf Ihre Unter­stützung angewiesen. Bob Schneider vom Institut für emotionale Kompetenz in Bern rät: «Seien Sie offen, wohlwollend, aber auch prüfend.» Eine vertrauensvolle Arbeits­beziehung lasse sich nicht herbeireden, sondern könne sich nur durch das ergeben, was im Alltag gelebt werde.

  2. «Das haben wir aber immer so gemacht» – derlei Äusserungen sollten Sie vermeiden. Überlegen Sie sich vielmehr, wie Sie die Zukunft des Unternehmens mitgestalten können, und bringen Sie Ideen ein.

  3. Macht es Sie unsicher, dass die neue Chefin zurückhaltend oder gar ab­weisend ist? Dann suchen Sie das Gespräch mit ihr. Machen Sie deutlich, dass Sie kon­struktiv mit ihr zusammenarbeiten wollen. Und verlangen Sie Klarheit: Sie müssen wissen, was genau von Ihnen erwartet wird. Je transparenter und nachvollziehbarer die Ziele sind, desto leichter ist es, sich dafür ins Zeug zu legen.

  4. Prüfen Sie, wie realistisch Ihre Erwartungen an den neuen Vorgesetzten sind. Auch Chefs unterliegen Sachzwängen und bewirken keine Wunder. Und sie machen das, was menschlich ist: Fehler.

  5. Der «Neue» macht Ihnen Vorwürfe? Überlegen Sie, wo Ihre Schwächen tatsächlich liegen. Signalisieren Sie, dass Sie daran arbeiten werden. Und vor allem: Rechtfertigen Sie sich nicht lange. «Reagieren Sie lösungsorientiert», rät Irmtraud Bräunlich, Spezialistin für Arbeitsthemen beim Beobachter-Beratungszentrum. Räumen Sie also ein, dass Ihnen ein Fehler passiert ist, korrigieren Sie ihn, machen Sie deutlich, dass Sie künftig besser aufpassen wollen. Lassen Sie sich bei Kritik «von oben» aber keinesfalls mit Pauschalvorwürfen oder unklaren Weisungen abspeisen. Fragen Sie nach Fakten, Zahlen, Beispielen. Nur so können Sie nachvollziehen, was Sie falsch gemacht haben – und in Zukunft anders machen sollen.

  6. Selbst wenn man Ihnen berechtigte Vorwürfe macht: Schikanen liegen nicht drin. Kritik ist notwendig und erlaubt. Permanent ohne ersichtlichen Grund kritisiert zu werden oder auf einmal viel schlechtere Qualifikationen zu bekommen, das müssen Sie sich nicht gefallen lassen. Auch hat Ihr Vorgesetzter nicht das Recht, Sie in einer Teamsitzung blosszustellen oder zu beleidigen.

  7. Sie werden von heute auf morgen in eine andere Filiale versetzt? Ihre neue Chefin verknurrt Sie zu Arbeiten, für die Sie überqualifiziert sind? Oder streicht Ihnen kurzerhand die Gratifikation? Berufen Sie sich auf Ihren Arbeitsvertrag. Alles, was Ihnen darin zugesichert wurde, ist nach wie vor gültig. Das gilt auch für mündliche oder stillschweigende Abmachungen – zum Beispiel für die Erlaubnis, einen Tag pro Woche zu Hause zu arbeiten. Möchte der neue Vorgesetzte etwa eine schlechtere Bezahlung durchsetzen oder Ihr Arbeitspensum ändern, ist dafür eine Änderungskündigung notwendig. Dafür muss in jedem Fall die Kündigungsfrist des geltenden Arbeits­vertrags eingehalten werden.

Weitere Infos

  • Irmtraud Bräunlich Keller: «Mobbing – was tun? So wehren Sie sich am Arbeitsplatz»; Beobachter-Buchverlag, 2006, 216 Seiten, CHF 34.–

  • Helmut Fuchs, Andreas Huber: «Bossing – wenn der Chef mobbt»; Kreuz-Verlag, 2009, 180 Seiten, CHF 26.90

  • Mobbing-Zentrale Schweiz (mit Adressen spezialisierter Psychologen, Anwälte, Ärzte): www.mobbing-zentrale.ch

  • Infos über Fairness am Arbeitsplatz: www.fairness-stiftung.de
Veröffentlicht am 20. Mai 2011