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Gesellschaft«Familie ist nicht Privatsache»

Ohne die Riesenleistung der Familien würde die Gesellschaft nicht funktionieren, sagt Carlo Knöpfel von Caritas Schweiz. Deshalb verdienten sie mehr staatliche Unterstützung.

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Was wäre, wenn die Familien in der Schweiz nur Dienst nach Vorschrift leisten würden? Sich also nur noch um das kümmerten, was für sie selber von Belang ist? Dann hätte beispielsweise das Gesundheitssystem das Problem, zusätzliche Pflegeleistungen für ältere Menschen im Umfang von jährlich 34 Millionen Stunden erbringen zu müssen. Dafür bräuchte es ein Heer von 16'000 Spitex-Angestellten mit Vollzeitpensen und entsprechender Entlöhnung. Ähnliche Berechnungen liessen sich anstellen, wenn plötzlich familiäre Leistungen in weiteren Bereichen des täglichen Zusammenlebens wegfielen (siehe nachfolgende Beispiele).

Doch keine Bange - die Familien befinden sich nicht im Streik, im Gegenteil. Sie verrichten ihre Leistungen, ohne die Gesellschaft, Sozialstaat und Arbeitswelt nicht funktionieren würden, fleissig und zuverlässig wie immer. Und für den Staat überaus vorteilhaft: unbezahlt und ohne dafür substanzielle Gegenleistungen zu erhalten. Woher kommt dieses Ungleichgewicht zwischen Leistung und Anerkennung? Und ist eine solche Formel zukunftsfähig? Erklärungen und Forderungen von Carlo Knöpfel, sozialpolitischer Vordenker von Caritas Schweiz.

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Beobachter: Herr Knöpfel, in unserer Gesellschaft ist es selbstverständlich, für eine erbrachte Leistung bezahlt zu werden. Bei den Familien gilt diese Regel nicht. Eine Tochter, die ihre alte Mutter pflegt, würde nie auf die Idee kommen, dafür vom Staat etwas zu verlangen. Warum nicht?
Carlo Knöpfel: Einerseits stellt sich die Frage, ob die Familie für ihre sozialen Leistungen von der Gesellschaft überhaupt eine Gegenleistung erwartet. Denn die Vorstellung, die Familie sei Privatsache, ist äusserst dominant. Familien haben Hemmungen, ihre Leistungen in Rechnung zu stellen. Vereinzelt entstehen Formen von Gegenleistungen, etwa die Erziehungsgutschriften in der AHV. Anderseits zählt das, was innerhalb der Familie bezüglich Leistung und Gegenleistung passiert. Hier ist die Zurückhaltung kleiner, da existieren moralische Verträge.

Beobachter: Moralische Verträge?
Knöpfel: Ein Beispiel aus meiner eigenen Lebenssituation: Meine Mutter kommt donnerstags immer zu uns, kocht das Mittagessen, macht die Wäsche. Als Gegenleistung erwartet sie zu Recht, dass wir uns für sie engagieren, sollte sie einmal pflegebedürftig sein. Sie hat uns das auch deutlich gesagt. Häufig ist dieser Tausch tabuisiert, man spricht nicht darüber. Aber die moralische Erwartung steht im Raum.

Beobachter: Intern wird also - wenn auch nur implizit - abgerechnet, nach aussen nicht. Ist das typisch schweizerisch?
Knöpfel: Die Schweizer Gesellschaft hat einen liberalen Ursprung. Im Zentrum steht der Gedanke der Subsidiarität: Zuerst kommt die Eigenverantwortung, dann die Familie. Wenn auch die Familie nicht helfen kann, kommen private Organisationen ins Spiel. Erst ganz zuletzt gelangt man an den Staat. Die Bundesverfassung widerspiegelt diesen Grundsatz ganz klar.

Beobachter: Konkret heisst es da: «Das Recht auf Ehe und Familie ist gewährleistet». Im deutschen Grundgesetz steht: «Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung». Was sagen diese beiden Formulierungen aus über die Stellung der Familie in der Gesellschaft?
Knöpfel: In Deutschland sieht der Staat sein Pendant nicht im Individuum, sondern in der Familie. Die Familie ist die Urzelle der Gesellschaft. Und die Gesellschaft hat laut Grundgesetz eine Verpflichtung, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Familien gut funktionieren können.

Beobachter: Und in der Schweiz?
Knöpfel: Hier hat nicht die Familie Rechte und Pflichten, sondern das Individuum. In der Schweiz gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass es die bürgerliche Kernfamilie immer geben wird - das läuft von allein, da müssen wir nichts machen. Dass das gar nicht selbstverständlich ist, dass familiäre Lebensformen immer vielfältiger werden, müssen wir erst lernen. Das sind Prozesse, die langsam in Gang kommen.


Beobachter: Was ist Familie für Sie? Privatsache oder gesellschaftlicher Auftrag?
Knöpfel: Diese Gegenüberstellung halte ich für falsch. Es geht immer um Rechte und um Pflichten, es ist ein Deal, der in beide Richtungen wirkt.

Beobachter: Ein Deal?
Knöpfel: Schauen Sie sich die skandinavischen Länder an, in denen Familien grosszügig unterstützt werden. Dort gibt es eine gut ausgebaute familienexterne Kinderbetreuung. Aber gleichzeitig erwartet die Gesellschaft von den Frauen, dass sie erwerbstätig sind. Letztlich auch, dass sie Kinder bekommen. Die Fertilitätsrate ist in Skandinavien höher als bei uns. Das ist politisch erwünscht. Ich bin nicht gegen Eigenverantwortung. Aber es gibt auch eine Mitverantwortung der Gesellschaft. Das meine ich mit Deal. Die Gesellschaft darf nicht blind sein für das, was in Familien passiert.

Beobachter: Es ist doch ein privater Entscheid, eine Familie zu gründen. Warum sollte sich die Gesellschaft dafür interessieren?
Knöpfel: So denkt man in den USA. Dort ist alles Privatsache. Die Konsequenzen sehen wir: Alles droht auseinanderzubrechen. Für den Staat ist Nichtstun nicht gratis. Eines Tages fällt das auf die Gesellschaft zurück. Wenn etwa gut ausgebildete Frauen heute einen Job wollen, der ihnen gutes Einkommen und Entwicklungsmöglichkeiten bietet, wird Kinderkriegen plötzlich Kalkül. Soll ich Kinder haben? Wie viele? Wann? In der Schweiz entscheiden sich immer mehr Frauen für den Job und gegen Kinder. Das kommt die Gesellschaft teuer zu stehen. Sonst würden wir nicht über Probleme bei der Finanzierung der AHV diskutieren.

Beobachter: Die Ergebnisse des Beobachter-Familienmonitors vermitteln den Eindruck, dass die fehlende staatliche Unterstützung nicht als Manko wahrgenommen wird. Niemand beklagt sich. Sind die Familien zu genügsam?
Knöpfel: Das ist eine politische Frage.

Beobachter: Die Familien könnten doch forscher, fordernder auftreten.
Knöpfel: Die einzelne Familie kann ja wenig Einfluss nehmen. Sie müsste sich politisch organisieren und Parteien finden, die das Thema aufnehmen. Die CVP pflegte diese Selbstgenügsamkeit. Sie hielt das traditionelle Familienbild hoch, die Ein-Ernährer-Familie. Eine Einstellung, die bis Mitte der neunziger Jahre mehrheitsfähig war. Selbst führende Linke hatten dieses konservative Bild im Kopf. Erst die demographische Entwicklung und das neue Rollenverständnis der Frau zwangen die Politik zum Umdenken. Man merkte plötzlich: Oha, die Familie erbringt die Leistung nicht mehr, Frauen bekommen nicht mehr genügend Kinder. So erhielt man mit Familienpolitik Aufmerksamkeit. Dass Familienpolitik heute mehrheitsfähig ist, hat viel mit den potentiellen Kosten zu tun, die man abwenden will.

Beobachter: Sie fordern eine Mitverantwortung der Gesellschaft für die Familie. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Unterstützung und Einmischung?
Knöpfel: Es gibt keine mathematische Formel. Spätestens wenn ein Defizit auftaucht, wenn die Familie die ihr zugedachten Leistungen nicht mehr erbringen kann, wenn etwa die Töchter plötzlich nicht mehr ihre alten Mütter pflegen wollen oder wenn die Eltern überfordert sind mit der Erziehung der Kinder, wird manifest, dass Familie nicht Privatsache ist. Dann reklamiert auch niemand mehr, wenn sich der Staat einmischt. Ich finde aber, man müsste noch einen Schritt weiter gehen, im Sinne der Prävention.

Beobachter: Der Staat soll einschreiten, bevor überhaupt ein Problem vorliegt?
Knöpfel: Die heutige Familienpolitik in der Schweiz hat den Status der Umweltpolitik der 1960er-Jahre. Damals herrschte in diesem Bereich ein End-of-Pipe-Denken: Es wurden erst Massnahmen ergriffen, wenn ein Problem offensichtlich war. Wenn der See etwa völlig überdüngt war und reanimiert werden musste. Plötzlich merkte man, dass das nicht so einfach geht und vor allem viel zu teuer ist. Mit der Zeit begann man, Kläranlagen zu bauen, um den Schaden erst gar nicht aufkommen zu lassen. In diese Richtung muss auch eine präventive Familienpolitik gehen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Beobachter: Können Sie ein Beispiel geben?
Knöpfel: In Basel gibt es seit neuestem ein Konzept zur Frühförderung. Alle Kinder sollen gleiche Chancen haben. Wenn die Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht genügend wahrnehmen, hat der Kanton das Recht, eine Sozialarbeiterin vorbeizuschicken, die bei Haushalt und Erziehung hilft. Im Vorfeld des Projekts gab es Stimmen, die behaupteten, die Freiheit der Eltern werde auf diese Weise eingeschränkt. Aber was wäre, wenn man die elterliche Freiheit in Sachen Erziehung nicht tangieren würde? Das Problem kommt wieder auf den Tisch, wenn aus dem Kind ein Jugendlicher wird. Und dann kostet es die Gesellschaft sehr viel Geld. Dann haben wir - plakativ gesprochen - nämlich einen 15-jährigen Schulabbrecher, der Omas überfällt, statt eine Lehre zu machen. Dann ruft keiner mehr nach der Freiheit der Eltern. Sondern es heisst: Appell an den Staat, handeln! Es ist doch viel gescheiter, früh zu intervenieren und teure Schäden zu vermeiden, als gar nichts zu machen, weil die Familie angeblich Privatsache ist.

Beobachter: Es fällt auf, dass Sie Familienpolitik immer auch als ökonomisches Kalkül verstehen.
Knöpfel: So funktioniert es nun einmal. Am Schluss ist es immer eine Kostenfrage. Solange die sich nicht stellt, besteht für viele kein Handlungsbedarf. Dabei täte der Schweiz eine grundsätzliche Debatte gut - darüber, dass sich in dieser Gesellschaft die Familien verändern, dass neue Themen aufkommen.

Beobachter: Die umstrittene Autorin Eva Herman predigt die harmonische Familie und ruft die Frauen auf, an den Herd zurückzukehren. Auch aus dem Beobachter-Familienmonitor lässt sich die Sehnsucht nach der Familie als Ort von Geborgenheit und Liebe herauslesen. Überrascht Sie das?
Knöpfel: Der Backlash ist nicht zufällig. Mittlerweile haben die Frauen, die sich dem traditionellen Rollenbild verweigerten, ihre Erfahrung gemacht. Die Erfahrung heisst: massive Mehrfachbelastung. Dass die Frau erwerbstätig ist, wird inzwischen akzeptiert. Aber das heisst nicht, dass sie nicht trotzdem die Hausarbeit machen und die Kinder grossziehen muss. Jetzt kommt Eva Herman und sagt: Wir Frauen sind doch blöd, wenn wir uns all das aufbürden. Wir verweigern uns dieser Mehrfachbelastung. Nun gibt es eine progressive und eine konservative Variante der Verweigerung. Die progressive heisst: Ich verzichte auf Familie. Die konservative von Eva Herman geht davon aus, dass es biologisch nicht natürlich ist, als Frau auf Kinder zu verzichten. Also gründet sie eine Familie und verzichtet auf den Beruf.

Beobachter: Die jungen Frauen könnten doch auch anders reagieren. Etwa eine bessere Familienpolitik fordern, anstatt sich ins Private zurückzuziehen.
Knöpfel: Das wird nicht passieren, und das liegt an der Politikverdrossenheit. Die betrifft ja nicht nur die Familienpolitik. Die Leute haben die Nase voll. Der Durchschnittsmensch hat doch das Gefühl, dass es nichts bringt, sich in der Politik zu engagieren.

Beobachter: Sie haben zwei Töchter und teilen sich die Familien- und Hausarbeit mit Ihrer Frau. Gründet Ihr Engagement für die Familie auch auf eigenen Erfahrungen?
Knöpfel: Schon. Für meine Frau und mich war von Anfang an klar, dass beide erwerbstätig sind und ich mich an der Erziehung und am Haushalt beteiligen muss. Da wurde mir erstmals bewusst, dass in der Schweiz die Rahmenbedingungen fehlen, um als Vater Familie und Beruf zu vereinen. So gibt es etwa für Männer bis heute kaum gute Teilzeitstellen. Das Hilfswerk Caritas hatte eine solche Stelle, und sie wollten am liebsten mich dafür.

Beobachter: Ein Privileg.
Knöpfel: Klar, als Akademiker verdienen wir auch in Teilzeitstellen sehr gut. Es reicht eben nicht, den Männern die Möglichkeit zu geben, Teilzeit zu arbeiten. Es muss auch vom Finanziellen her stimmen. Wenn ich einem Working-Poor-Vater sage, er solle Teilzeit arbeiten, mache ich mich lächerlich.

Beobachter: Zurück zur Realpolitik. Kürzlich wurde die Unternehmenssteuerreform vom Volk angenommen. Jetzt sagen alle: Die Familien sind nun an der Reihe, entlastet zu werden.
Knöpfel: Für mich ist das reine Taktik. Vielleicht bin ich zynisch. Aber es ist doch ein Witz: Vor etwa einem halben Jahr lehnte das Parlament die Steuerbefreiung des Existenzminimums ab. Von Armut betroffene Menschen, häufig Familien, sollten von den Steuern befreit werden. Auch bei der Familienbesteuerung hätte das Parlament wiederholt Ernst machen können, etwa mit der Individualbesteuerung. Nichts ist passiert. Wieso sollte das plötzlich anders sein?

Beobachter: Sie sind skeptisch?
Knöpfel: Tatbeweise zuerst! Man sollte auch beachten, dass anderswo gespart werden muss, sobald man eine Gruppe von der Steuerlast befreit. Aber wo? Das ist doch hier die Frage. Vielleicht macht ja Bundesrat Hans-Rudolf Merz sogar Ernst und entlastet die Familien tatsächlich. Aber dafür bleiben die hohen Kinderkrippenkosten. Haben die Familien dann etwas davon? Bestenfalls ist das ein Nullsummenspiel. Entscheidend ist, was unter dem Strich bleibt. Doch um solche klaren Aussagen drückt sich die Politik immer.

Rund 88 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz sind Kleinstbetriebe, meist in Familienhand. Fürs Überleben müssen alle Familienmitglieder anpacken - häufig ohne angemessene Entschädigung. Nicht nur das Gewerbe, auch Landwirtschaftsbetriebe wären ohne diese unentgeltliche Hilfe aufgeschmissen. Laut den Richtlöhnen des Bauernverbandes verdient ein Angestellter in der Landwirtschaft rund 3500 bis 4500 Franken monatlich; viele Bauern können sich das aber nicht leisten. Die landwirtschaftliche Betriebszählung 2005 ergab, dass nur 13 Prozent aller Höfe einen Vollzeitangestellten beschäftigen, der nicht zur Familie gehört. Es kommt daher immer noch vor, dass erwachsene Kinder, die auf dem Hof mitarbeiten, wegen der schlechten finanziellen Verhältnisse keinen festen Lohn haben. Die Eltern zahlen ein kleines Taschengeld, bieten Kost und Logis und übernehmen die Kosten für Zahnarzt, Steuern oder Ferien. Der Schweizerische Bauernverband hat berechnet, wie viel Geld diesen Kindern entgeht. Beispiel einer Hochrechnung: Der Sohn arbeitet ab seinem 20. Lebensjahr voll und nur für ein Taschengeld auf dem Hof; mit 28 übernimmt er den Betrieb. Bis dahin hätte er rund 100'000 Franken zusammengespart. In der Regel zahlen die Eltern ihren Kindern diesen Betrag bei der Hofübernahme aus. Manchmal fehlt ihnen jedoch das Geld dazu.

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Eine Erkenntnis aus den Pisa-Studien der letzten Jahre ist, dass in der Schweiz der Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen stark von der Unterstützung durch die Eltern abhängt. Unser Schulsystem baut auf die Mitarbeit der Eltern. Richtig deutlich wird das, wenn die Eltern ausserstande sind, diese Leistung zu erbringen - weil sie keine Zeit haben, mit ihren Kindern Hausaufgaben zu machen, weil sie ihren Kindern weder den Zugang zum Internet noch einen ruhigen Platz zum Lernen bieten können, weil sie die Unterrichtssprache nicht beherrschen und das Bildungssystem nicht kennen, auch mangels eigener Schulbildung. Für Schüler, die nicht auf die Mithilfe ihrer Eltern zählen können, hat der Kanton Zürich vor einigen Jahren die freiwillige Aufgabenhilfe eingeführt. Ein- bis zweimal pro Woche können Kinder unter Aufsicht Aufgaben machen. 2006 gab der Kanton dafür 2,5 Millionen Franken aus.

In der Schweiz leben mindestens 60 Prozent der pflegebedürftigen älteren Menschen noch zu Hause und werden von Familienmitgliedern, meist Frauen, gepflegt. Allein im Jahr 2000 wurden von den Familien 34 Millionen Stunden für die Pflege Angehöriger aufgewendet. Freiwillig und unbezahlt. Die Spitex des Kantons Bern verlangt für die Pflege einer betagten Person zu Hause - «in einfacher, stabiler Situation» - rund 50 Franken pro Stunde. Dank der Leistungen von Familien spart der Gesundheitssektor so gesehen jährlich 1,7 Milliarden Franken. Der Betrag wäre noch weitaus höher, würde man die Rechnung statt mit dem Spitextarif mit der Tagespauschale eines Alters- und Pflegeheims machen.

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Im Uno-Jahr der Freiwilligen (2001) wurde in grossem Stil damit begonnen, unbezahlte Arbeit statistisch zu erfassen. Die neusten Daten für die Schweiz liefert der im letzten Dezember veröffentlichte Freiwilligen-Monitor der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Laut dem Bericht sind 37 Prozent der Bevölkerung informell freiwillig tätig, das heisst ausserhalb von Vereinen und Institutionen. Rund zwei Drittel - etwa 1,7 Millionen Personen - leisten im Rahmen dieses Engagements anderen Menschen direkte Hilfe. Besonders verbreitet sind dabei klassische Familienleistungen: Kinderhüten und Nachbarschaftsdienste. Generell sind mit unbezahlter Arbeit Tätigkeiten gemeint, die nicht entlöhnt, aber theoretisch von einer Drittperson gegen Bezahlung ausgeführt werden könnten. Um den Umfang dieser Leistungen zu verdeutlichen, werden sie anhand bestimmter Umrechnungskriterien als Geldwerte ausgedrückt. Für den Bereich der informellen Freiwilligenarbeit, die weitgehend familiäre Dienste gegenüber der Gesellschaft umfasst, weist das Bundesamt für Statistik folgende Eckdaten aus: 371 Millionen investierte Stunden pro Jahr, was einem Wert von 9,6 Milliarden Franken entspricht.

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Von Armut betroffene Familien ziehen sich oft aus dem öffentlichen Leben zurück und sind deshalb schlecht in die Gesellschaft integriert. In besonderem Mass gilt dies für Kinder, die unter solch erschwerten Bedingungen aufwachsen - die soziale Ausgrenzung kann ihre Entwicklung nachteilig beeinflussen. Hier setzt das Patenschaftsprojekt «mit mir!» von Caritas den Hebel an. Freiwillige Gotten und Göttis verbringen pro Monat zwei halbe Tage mit einem Kind aus benachteiligten Familien, unternehmen etwas mit ihm oder laden es zu sich nach Hause in die eigene Familie ein. Kurz: Sie schenken ihm Zeit und ermöglichen ihm, neue Bindungen einzugehen. Allein im Kanton Zürich gibt es gegenwärtig 125 solcher Patenschaften, Tendenz steigend. Damit werde auf niederschwellige Art wertvolle soziale und kulturelle Integration betrieben, betont Projektleiterin Margrit Buhofer: «Die Kinder erobern Felder, die ihnen sonst verschlossen geblieben wären.» Von «mit mir!» profitieren aber nicht nur die 3- bis 12-jährigen Mädchen und Buben - je zu einem Drittel aus schweizerischer, binationaler und ausländischer Herkunft -, sondern auch deren Eltern, zumeist alleinerziehende Frauen. Die Entlastung ermöglicht ihnen, den aufreibenden Alltag für einen Moment hinter sich zu lassen.

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Im Jahr 2000 wurden in der Schweiz 28,5 Milliarden Franken vererbt. Das sind fast 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Hinzu kommen noch Schenkungen im Wert von mindestens 7 Milliarden Franken. Private Darlehen, Schenkungen und Erbschaften - oder auch nur das Wissen um eine anstehende Erbschaft - erweitern zusätzlich den wirtschaftlichen Handlungsspielraum der Nachkommen. So können sich etwa viele junge Familien nur dank einer Schenkung der Eltern ein Eigenheim leisten. Und ein Grossteil der Studenten könnte ohne Darlehen der Familie die Ausbildung nicht finanzieren. Familien sorgen mit ihren Vermögen sogar dafür, dass die Sozialämter entlastet werden. Bevor nämlich jemand Sozialhilfe erhält, werden im Rahmen der Verwandtenunterstützungspflicht zuerst die Eltern oder Ehepartner zur Kasse gebeten. Sie müssen, solange ihre finanzielle Situation es irgendwie erlaubt, für den Verwandten in Not aufkommen. So sparte das Sozialamt der Stadt Luzern dank der Verwandtenbeiträge im letzten Jahr 220'000 Franken, und die Sozialämter der Städte Bern und St. Gallen mussten je 300'000 Franken weniger aufwenden.

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«Was ist Ihnen wichtig im Leben?»

Gesund zu sein geht über alles: Auf einer Skala von 0 (unwichtig) bis 10 (wichtig) erreicht das individuelle Lebensziel, «dass es mir gesundheitlich gutgeht», im Beobachter-Familienmonitor den Spitzenwert von 9.6. Dahinter stehen etwa gleichberechtigt Ziele wie finanzielles Wohlergehen, glückliche Partnerschaft oder persönliche Unabhängigkeit (8.8 bis 8.6). Mit etwas Abstand - und erst auf Rang sieben - folgt mit dem Wert 7.8 das Lebensziel Elternschaft, unmittelbar vor Erfüllung im Beruf (7.7). Eigene Kinder zu haben wird von Frauen höher gewichtet als von Männern, desgleichen von Personen mit tieferem Bildungsniveau im Vergleich zu den besser Gebildeten. Aufs Lebensziel Beruf setzen hingegen verstärkt Männer und höhere Einkommensklassen. Diese Gegensätze deuten auf die Schwierigkeit hin, beide Ziele zu vereinen.

Dass es mir gesundheitlich gutgeht 9,6
Dass meine Partnerschaft glücklich ist 8,8
Dass ich meine Freizeit angenehm gestalten kann 8,6
Dass ich eigene Kinder habe 7,8
Dass ich mich ausserhalb der Familie engagieren kann 5,4

«Wie werden Ihre Kinder fremdbetreut?»

Der Bedarf, die eigenen Kinder ab und zu von Drittpersonen beaufsichtigen zu lassen, ist in der Schweiz gross - bloss kosten darf es nicht zu viel. Der Familienmonitor zeigt, dass nur 13 Prozent der Eltern von unter zwölfjährigen Kindern öffentliche kostenpflichtige Einrichtungen (Krippen, Mittagstische et cetera) mehr oder weniger intensiv nutzen. Dabei nehmen die unteren und oberen Einkommensklassen Krippenangebote deutlich häufiger wahr als die mittlere - dies weil der Mittelstand einerseits weniger von Subventionen profitiert und anderseits zu geringe Eigenmittel hat. Auch bei der privaten Unterstützung ist Geld ein entscheidender Faktor: Während bloss 21 Prozent kostenpflichtige Leistungserbringer (Tagesmutter, Babysitter et cetera) in Anspruch nehmen, sind es bei der Gratisbetreuung (Grosseltern, Nachbarn et cetera) satte 72 Prozent.

privat und gratis (z.B. Grosseltern, Nachbarn, Verwandte) 72%
öffentlich und kostenpflichtig (z.B. Krippen, Mittagstisch) 13%


Mehrfachnennungen möglich

Veröffentlicht am 11. April 2008