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MedienerziehungDer Fernseher ist ein schlechter Babysitter

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Das Problem:

«Mein Mann und ich haben oft heftige Diskussionen, wie viel die Kinder fernsehen dürfen. Ich bin eher für eine radikale zeitliche Beschränkung. Er hingegen findet, der TV-Konsum gehöre eben zur modernen Welt, und Verbote würden nur den Reiz erhöhen. Was meinen Sie?»

Sarah und Rolf H.

Koni Rohner, Psychologe FSP:

Eine Medienerziehung, die ohne Verbote auskommt, wäre tatsächlich ideal. Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, und die dominierende Präsenz des Mediums Fernsehen ist heute eine Tatsache. Dass der Bildschirm in unserer Freizeitgestaltung einen wichtigen Platz einnimmt, wissen auch die Fernsehmacher. Deshalb stellen sie jeweils über die Festtage besonders attraktive Programme zusammen – mit zahlreichen Filmen für die ganze Familie. Das Gute am gemeinsamen Fernsehen ist, dass die Eltern wissen, welchen Einflüssen ihre Kinder ausgesetzt sind.

Doch die Erzieher können nicht alles unter Kontrolle haben: Die meisten Kinder sehen auch allein fern. Und selbst wenn die Eltern im eigenen Haus die Angelegenheit im Griff haben, lässt sich kaum verhindern, dass der Nachwuchs bei Kolleginnen und Kollegen manchmal Dinge anschaut, die den Eltern nicht gefallen würden. Der deutsche Pädagoge Hartmut von Hentig betont, dass Kindheit heute unausweichlich «Medienkindheit» sei. Das bedeutet: Neben Schule und Elternhaus ist das Fernsehen zu einem wichtigen Erziehungs- und Beeinflussungsfaktor geworden. Die meisten Pädagogen beklagen diese Situation; einzelne begrüssen die Horizonterweiterung, die die Kinder dadurch erfahren.

Ich bin überzeugt, dass die Gesellschaft den Einfluss der Medien noch zu wenig ernst nimmt. Eine Pauschalverurteilung durch die Erzieher ist unrealistisch und unwirksam, während Laisser-faire, also alles einfach laufen lassen, verantwortungslos ist. Meiner Ansicht nach bleibt Lehrern und Eltern gar nichts anderes übrig, als die Spreu vom Weizen zu trennen und präzise Kriterien aufzustellen, welche Filme oder Computerspiele erzieherisch wertvoll und welche eher schädlich sind. Der Fernseher darf nicht unbesehen als Babysitter eingesetzt werden; die Eltern müssen die Filme entweder zusammen mit ihren Kindern anschauen oder sich auf ein Urteil von Experten abstützen können. Filme transportieren Werte und zeigen ein Modellverhalten, das von den Kindern kopiert werden kann.

Pädagogisch wertvolle Filme sollten

  • keine Tötungsszenen zeigen;
  • Konfliktlösungen ohne Gewalt enthalten;
  • Heldinnen und Helden zeigen, die mit guten Ideen gewinnen, nicht durch Kampf;
  • Helden haben, die auch Schwächen besitzen, die manchmal scheitern, die keine Supermänner oder Superkinder sind;
  • Freundschaften und Teamwork unter den Hauptdarstellern enthalten und damit den Wert einer Gemeinschaft aufzeigen;
  • Gefühl und Mitgefühl anregen und nicht nur oberflächliche Action zeigen;
  • neben spannenden und aufregenden Sequenzen auch ruhige Phasen enthalten;
  • ebenbürtige Geschlechterrollen von Mädchen und Knaben zeigen.

Aufgrund dieser Liste sind etwa die derzeit aktuellen «Pokemon»-Filme nicht schädlich, aber auch nicht besonders wertvoll. Zu empfehlen wären dagegen die Abenteuer des kleinen Langhalssauriers «Little Foot», der liebenswerte «E.T.» oder die Serie mit dem Jungen «Doug». Übrigens zeigen auch klassische Zeichentrickfilme oft ein Gewaltmodell, indem die Trickfiguren permanent gegeneinander kämpfen.

Ich empfehle Lehrern und Eltern, eine kleine Mediothek mit wertvollen Filmen anzulegen, damit die Kinder den Vergleich erleben und selber allmählich ein Gefühl für die Qualität von Filmen entwickeln können. Nach meiner Beobachtung ziehen Kinder, wenn sie die Auswahl haben, mit der Zeit zum Beispiel Filme vor, in denen Freundschaft und Gefühle auch eine Rolle spielen und nicht nur oberflächliche Action passiert. Ausserdem gibt es für Kinder neben Fernsehen und Spielkonsolen noch sehr viele andere interessante Dinge. Ein gesundes Kind in einer positiven Umgebung wird automatisch einen ausgewogenen Mix aus Medienkonsum und kreativer Spieltätigkeit herstellen.

Wenn Kinder aber stundenlang vor dem TV-Apparat sitzen, stimmt etwas nicht. Entweder deckt die Medienberieselung Konflikte und eine innere Traurigkeit zu, oder die Kinder sind mediensüchtig. Süchtig wird aber nur, wer etwas sucht oder, mit anderen Worten, wem etwas fehlt. Wenn Kinder von ihren Eltern genug Interesse und Zuwendung erfahren, wenn sie einen Raum zur Verfügung haben und hie und da auch eine Anregung für eigene Aktivitäten bekommen, werden sie die Medien in der Regel automatisch in einem vernünftigen Mass nutzen.

Viel Vergnügen also beim mässigen Festtags-Medienkonsum im Familienkreis!

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Veröffentlicht am 19. Dezember 2000