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ObdachlosigkeitEine kurze Geschichte des grossen Elends

Trotz Hilfsangeboten ist der Winter für Randständige hart: Zu Einsamkeit und Verwahrlosung kommt die Kälte. Dennoch fällt es vielen schwer, ihre Not einzugestehen.

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Wankend steht der Mann am Schalter, vor sich ein Dutzend Medikamentenschachteln. «Heute Abend nimmst du diese da. Und morgen früh schauen wir dann zusammen weiter, gell», sagt der Mann hinter dem Schalter. Der Betrunkene nickt langsam und liest noch einmal, was auf den Packungen steht. Der Sinn scheint sich ihm nicht zu erschliessen. Langsam packt er seine Schachteln zusammen und hinkt in Richtung Aufenthaltsraum davon, eine süssliche Alkoholfahne hinterlassend.

«Heute geht es etwas turbulent zu», sagt Andreas Schild, Leiter des «Rheinblicks», des Basler Männerwohnheims der Heilsarmee an der Rheingasse. Zwei Pensionäre seien kurzfristig ausgetreten, vom einen fehle jede Spur. Er habe gut zwei Monate hier gewohnt, sei zugewiesen worden vom städtischen Sozialdienst. «Nun ist er wahrscheinlich privat untergekommen», sagt Schild und zuckt mit den Schultern. Geht einer, kommt ein Nächster.

Wenn es kalt ist, geht der Mensch eilig von Tür zu Tür. Wer aber weder Wohnung noch Arbeitsplatz hat, pendelt zwischen Notschlafstelle und Gassenküche. Die Stadt Basel übt eine grosse Anziehung auf Randständige aus den Nachbarkantonen aus. Wer in seiner kleinen Gemeinde aus dem System fällt, sucht die Anonymität der Stadt. Und ihre zahlreichen Hilfsinstitutionen, die in der Nordwestschweiz einmalig sind. Der Kanton Baselland zum Beispiel verfügt über keine Notschlafstelle. Ein Umstand, der schon für Streit gesorgt hat zwischen den Halbkantonen.

«Wer will, hat in Basel ein Bett», sagt Schild. Aber es gebe auch Menschen, die sich gar nicht mehr einfügen wollten. «Ich weiss von einem, der sich regelmässig nachts im letzten Tram einschliessen lässt und im Depot übernachtet», erzählt er. Jetzt klingelt die Polizei. «Guten Abend, wir suchen den Herrn Gaschi», sagt der Zivilbeamte und zeigt seinen Ausweis. «Der ist am 12. Dezember ausgetreten», erwidert Schild. Die Polizisten bedanken sich und ziehen wieder ab. Auch sie gehen im Basler «Rheinblick» ein und aus.

Seit 20 Jahren im Männerwohnheim
Lang ist Herrn Gaschis Bett ja nicht unbelegt geblieben. Bereits seit Anfang Oktober sind alle 55 Zimmer des «Rheinblicks» ausgebucht. Aber keineswegs wegen der schönen Lage an der so genannten Riviera in Kleinbasel. Die Kälte treibt die Menschen hierhin. Oder die Einsamkeit, die Verwahrlosung, die Not. «Wenn jemand anderswo nicht mehr tragbar ist, landet er irgendwann hier», meint Schild. Es sind Menschen, die in kein System passen. «Menschen, die den Ausstieg aus dem Ausstieg gemacht haben», wie Schild es ausdrückt. Ein Drittel der «Rheinblick»-Pensionäre haben Suchtprobleme. Es gibt welche, die wohnen seit über 20 Jahren hier.

Branco ist neu im «Rheinblick». Am Esstisch zeigt der 57-jährige Kroate seine Bleistiftstudien. «Technisch gut, hat aber wenig künstlerische Seele», sagt er in gebrochenem Deutsch. Er habe in Laufen ein Atelier gehabt, sei Bildhauer gewesen, erzählt er. Wegen eines Arbeitsunfalls sei er vor drei Jahren arbeitsunfähig geworden. Sechsmal am Kreuzband operiert, nun hat er ein Kunstknie. Kurz vor dem Winter verlor er auch seine Wohnung. Er hat die Miete nicht mehr bezahlt. «Ich trinke manchmal zu viel. Das ist mein Fehler», sagt er trocken. Und fügt hinzu: «Ich bin ein Quartalssäufer. Das ist meine kurze Geschichte.»

Das Männerwohnheim sei eine gute Sache, findet Branco. Die Leute seien nett und korrekt. Trotzdem sei es nichts für ihn. «80 Prozent hier sind psychisch krank», sagt er und winkt ab. «Ich habe Hochschulen besucht in Rom, Florenz und Paris. Ich muss hier weg», erklärt er. Dann steht er auf. «So, ich geh jetzt ein bitzeli rauchen, dann habe ich Termine. Adieu.» Es ist, als möchte er an einer alltäglichen Normalität festhalten, die ihm längst abhanden gekommen ist.

Erst am nächsten Morgen rückt Branco mit dem Rest seiner Geschichte heraus. Fünf Zucker gibt er in den Kaffee, rührt. «Ich trinke ihn süss, weil ich bin bitter», sagt er. 1991 sei er in die Schweiz gekommen, habe eine Jugendfreundin besucht. Er wollte drei Wochen bleiben. Doch sie verliebten sich, wurden ein Paar. Wenig später haben sie geheiratet. Er ist in der Schweiz geblieben. Branco schweigt. Und dann? «Sie ist vor drei Jahren an Lymphkrebs gestorben», sagt er – und wechselt rasch das Thema. «Wenn es schön ist, gehe ich mit Kollegen Boccia spielen.»

Total aus der Bahn geworfen
Auch das Haus Elim für betreutes Wohnen am Claragraben ist seit neun Jahren voll belegt. Als Ausstiegshilfe für Randständige aller Art bezeichnet Peter Schild, der seit 25 Jahren in der Gassenarbeit tätig ist, seine Aufgabe. «Wir haben zum Teil Personen, die zehn Jahre lang nirgendwo mehr gemeldet waren. Wer so lange verschwunden war, wird sehr eigenwillig. Solche Leute zu resozialisieren ist anspruchsvoll», so Schild. Es gibt nicht wenige, die sich sämtlichen Institutionen entziehen.

Wie beispielsweise Donato, 45. Vage sind Bauisolierungen zu erkennen. Daneben stapeln sich Haufen von Holzlatten und Bodenplatten. Nägel, Müll, Bauschutt. Irgendwo ein Buch mit dem Titel «Wo liegt eigentlich das Valsertal». Es ist Mitternacht, eine sternklare Nacht. Durch das halb abgedeckte Dach scheint der Mond. Zielsicher bahnt sich Donato einen Weg durch das Durcheinander in der baufälligen Baracke. Vor gut einem Monat hat er sich hier, auf einem ehemaligen Industrieareal im Quartier St. Johann, einen Schlafplatz eingerichtet. Eine Matratze, ein Schlafsack und eine Sporttasche – das ist sein Zuhause. Donato ist obdachlos. «Freiwillig», wie er sagt. Er könne jederzeit eine Wohnung haben, meint er. Wenn er nur wolle. Aber er will nicht.

«Ich bin ein Einzelgänger. Ich werde nie in ein Wohnheim gehen», sagt er. Was seine Familie tut, weiss er nicht. Die Mutter ist während seines letzten Gefängnisaufenthalts gestorben. Benachrichtigt hat ihn niemand. «Vielleicht ist auch der Vater tot. Ist mir eigentlich scheissegal», sagt er. Seine Sätze erzählen Gassengeschichten, bei denen immer ein wenig unklar bleibt, was wahr und was unwahr ist. Sicher ist aber, dass sich dahinter Abgründe auftun.

1979 kam Donato per Autostopp von Chur nach Basel. Da hatte er bereits eine klassische Heimkarriere hinter sich. Kaum in Basel, begann die Drogenlaufbahn, die bis heute andauert. «Ich ging grad richtig rein: Heroin, intravenös», erzählt er. Mit dem Gift habe er seine persönlichen Probleme im Zaum halten können, erklärt er. Es ist seine Wahrheit, zurechtgelegt in der Hoffnung, wenigstens im Kopf alles in Ordnung halten zu können, wenn es schon im Leben drunter und drüber geht. Denn eigentlich haben ihn die Drogen total aus der Bahn geworfen, wie seine weitere Erzählung zeigt. 1990 der Tiefpunkt: Donato wird wegen Vergewaltigungen und Körperverletzung zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Donato schlägt sich heute mit so genanntem Filterlen durch. Er sammelt die Drogenresten, die beim Aufziehen der Spritzen übrig bleiben. Er ist ganz unten – abhängig von den besser gestellten Abhängigen – und hat sich damit abgefunden. «Ich bin seit 25 Jahren drauf, ohne je einen Entzug gemacht zu haben, und ich bin immer noch einigermassen beieinander», erklärt er stolz. Ob er denn nie Angst habe, so allein? Da blitzt plötzlich ein langes Messer auf, das in seiner Sporttasche war. «Ich weiss mich schon zu wehren», ruft er lachend. Seine Bewegungen sind fahrig, die Augen eine Bedrohung. Doch nun will Donato endlich allein sein, will sich seinen Mitternachtsschuss setzen. Zeit für schöne Träume in einem unschönen Leben.

«Wer lange auf der Gasse lebt, geht zwangsläufig kaputt, wird psychisch und physisch krank», sagt Catherine Darge vom Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter. Wer lange draussen gelebt habe, könne unter Umständen kaum je wieder in eine Wohnung ziehen. Wenn der ewige Gassenstress aufhöre, sei plötzlich wieder Raum für Emotionen, für Gedanken, Fragen. «Oft beginnt erst da die grosse Krise», sagt Darge. Der Verein Schwarzer Peter unterstützt Menschen ohne feste Tagesstrukturen. «Obdachlose haben auch Rechte. Wir sorgen dafür, dass sie zu ihren Rechten kommen», so Darge. Zum Beispiel indem der Verein den Obdachlosen als Postadresse dient. Oft scheitern Randständige an so einfachen Dingen wie einer gültigen Adresse. Denn ohne Adresse keine Sozialhilfe.

Im Tageshaus für Obdachlose an der Wallstrasse verkehren sie alle: die gescheiterten Akademiker, die gefallenen Söhne und Töchter, die Heimkinder, die Kranken, die Punks. Die Institution schliesst die Lücke zwischen der Notschlafstelle und der Gassenküche. Hier, in der Nähe des Bahnhofs, umgeben von Gross- und Privatbanken, können Randständige duschen und Kleider waschen, Zmittag essen, an der Wärme sein. «Es ist ein niederschwelliges Angebot. Grundsätzlich kann hier reinkommen, wer will», sagt Christian R. Haas, der das Haus leitet. An der Wallstrasse gibt es einen Töggelikasten, einen Billardtisch und einen Fernseher. Freitags kommt der Coiffeur, samstags gibts Massage. Das Mittagessen kostet drei Franken, und wer kein Geld hat, kann sich mit einer halben Stunde Wäschebügeln fünf Franken verdienen. Rund 50 Personen verkehren regelmässig an der Wallstrasse.

Zum Beispiel Pascal und Miwa, beide 36, die sich hier unter trostlosen Umständen kennen gelernt haben. Seit Weihnachten sind sie ein Paar. Er ist gelernter Koch, war zwölf Jahre mit einer Frau zusammen, mit der er eine dreijährige Tochter hat. Eines Tages hat sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung geworfen; wegen Kokainkonsums hatte er seinen Job verloren. «Der Rausschmiss hat mich total aus der Bahn geworfen», sagt Pascal. Ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung: ein Teufelskreis, aus dem man so schnell nicht wieder rausfindet. Seit über einem halben Jahr kann er bei Kollegen unterschlüpfen. «Ich hätte nie gedacht, dass man so schnell ganz unten landen kann», sagt er.

Auch Miwa hat ihr Zuhause verloren. Die Umstände ihrer Obdachlosigkeit aber will sie nicht erläutern. Sie sagt nur: «Ich hatte Puff mit mir selbst und bin letzten Mai rausgeworfen worden.» Den Sommer verbrachte sie draussen, schlief im Wald oder in Gärten. Bis Ende November, als es kalt wurde. «Es hat mich extrem viel Überwindung gekostet, in die Notschlafstelle zu gehen», erzählt Miwa, die als Adoptivkind in einer gut betuchten Basler Familie aufgewachsen ist. Dass sie auf der Strasse lebt, wissen ihre Eltern nicht. «Das wäre eine zu grosse Schande für sie.»

«Wer sucht, findet Hilfe. Aber natürlich nur, wenn man seinen Stolz überwinden kann», sagt Pascal. Dass seine neue Freundin Hilfe nicht ohne weiteres annehmen will, kann er nicht recht verstehen. Dennoch wirken die beiden hoffnungsvoll. «Auch wenn meine Situation nicht sehr komfortabel ist: Ich glaube, ich bin heute glücklicher als damals, im engen Korsett meiner Familie», sagt Miwa.

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Veröffentlicht am 14. Februar 2006