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EheDer Trend zur späten Scheidung

Bis dass der Tod uns scheidet? Schön wärs! Immer mehr Senioren trennen sich nach langjähriger Ehe. Zum Prüfstein wird häufig die Pensionierung.

Neue Perspektiven im Alter: Für immer mehr Paare heisst das Trennung.
von aktualisiert am 09. Mai 2017

Was ich erlebt habe, wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind. Ich ging durch die Hölle.» Die Frau, die das sagt, ist knapp 70. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachte sie mit ihrem Exmann. Sie waren über 40 Jahre verheiratet.

Kurz bevor er pensioniert wurde, bahnte sich das Unheil an. «Zuerst hatten wir uns auf mehr gemeinsame Zeit gefreut. Dann spürte ich plötzlich, wie er sich veränderte. Er schob den bevorstehenden Ruhestand vor, doch eines Tages realisierte ich: Es ist eine andere Frau. Die Trennung war für mich extrem schmerzhaft. Ich hatte Depressionen, hätte am liebsten nicht mehr gelebt.»

Sie konnte weder schlafen noch essen, nahm zehn Kilo ab. «Was mich am Leben hielt, war mein soziales Umfeld. Meine Kinder und Enkelkinder, aber auch Nachbarinnen und Freunde gaben mir Halt.» Inzwischen ist sie von ihrem Exmann gerichtlich getrennt. «Ich bin nach wie vor sehr traurig. Wut auf ihn empfinde ich nicht. Meine Wut konzentriert sich auf diese Person, die der Grund dafür war, dass er mich verlassen hat.»

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Späte Identitätsfindung

Die Frau steht mit ihrem Erlebnis nicht allein da. «Die Scheidungsraten bei Langzeitehen sind auffällig hoch», so die Berner Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello. «Eine wissenschaftliche Aufarbeitung hat sich förmlich aufgedrängt.» Perrig-Chiello hat ein Buch über späte Beziehungsbrüche geschrieben, das im Juni erscheint, und dafür mehr als 1000 Getrennte und Geschiedene befragt.

Herausgekommen sind Berichte wie dieser: Ein Vater von zwei Töchtern verlässt seine Frau nach 25 Jahren Ehe. Er steht kurz vor der Pensionierung. Seine Frau stellt ihn zur Rede. Als Grund für die Trennung gibt er an, er vermisse Gemeinsamkeiten, die Partnerin habe sich total von ihm entfremdet. Er könne genauso gut allein leben.

Nach einem Jahr mit allerlei sexuellen Experimenten bekennt er sich plötzlich zu seiner Homosexualität. Er lebt sie demonstrativ aus – vor allem für die Töchter irritierend und schwierig. Dann lernt er seinen heutigen Partner kennen. Nach jahrelanger Suche hat er offenbar seine Identität gefunden, lebt glücklich in der homosexuellen Partnerschaft. Und ist seinen Enkeln ein liebevoller Grossvater.

«Kein sexy Thema»

Vier von zehn Ehen in der Schweiz gehen auseinander. Im Jahr 2015 liessen sich 16'960 Paare scheiden. Knapp ein Drittel von ihnen war 20 oder mehr Jahre verheiratet gewesen. 1970 lag dieser Anteil noch bei 15,5 Prozent.

«Späte Scheidungen sind kein sexy Thema», hält Perrig-Chiello fest. «Darum hat sich lange niemand dafür interessiert.» Im Fokus der Wissenschaft standen junge Scheidungspaare mit Kindern. Die Psychologin initiierte deshalb eine grossangelegte Nationalfonds-Studie zu «Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte».

Für Perrig-Chiello ist klar: Der Trend zur Neuorientierung auf der Beziehungsebene hängt mit der gestiegenen Lebenserwartung zusammen. «Die Verjüngung im Alter führt zudem dazu, dass man sich nach der Pensionierung neu definiert.» 

Die Individualisierung, das Streben nach dem persönlichen Glück sind weitere Faktoren, die die Scheidungsrate im Alter in die Höhe treiben. «Früher harrten besonders Frauen in unbefriedigenden Ehen aus. Heute entscheiden sie bewusst: Will ich das oder will ich es nicht?» Die zunehmende finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht es ihnen, diese Wahl überhaupt selbstbestimmt zu treffen. 

Ein Knackpunkt im Leben langjähriger Paare kann der Auszug der Kinder oder auch die Pensionierung sein. Die Aussicht, im Ruhestand 24 Stunden täglich zusammen zu verbringen, ist für manche alles andere als paradiesisch. «Viele Frauen haben Angst, nach der Pensionierung ihres Mannes Freiheiten zu verlieren», sagt der Zürcher Altersforscher François Höpflinger. Oft fehlten gemeinsame Interessen. «Wenn die Partner zu unterschiedlichen Zeitpunkten pensioniert werden, kann auch das zu Konflikten führen.» Der Tagesablauf verschiebt sich, die Rollen werden vertauscht. «Der Mann sitzt zu Hause, während die Frau weiter erwerbstätig ist: eine Herausforderung für beide.»

«Die Verjüngung im Alter führt dazu, dass man sich nach der Pensionierung neu definiert.»


Pasqualina Perrig-Chiello, Psychologin

Männer lieben leichter eine andere 

Zwei Drittel der Trennungen werden von den Frauen initiiert, fanden Perrig-Chiello und ihr Team heraus. Warum? Sind sie einfach mutiger? «Frauen sprechen Beziehungsprobleme sehr viel früher an als Männer. Sie sind lösungsorientierter», so die Psychologin. «Männer sitzen eine ungute Situation eher aus. Und haben weniger Mühe, parallel zur Ehe eine Liebschaft zu pflegen.»

Ein Drittel der späten Trennungen oder Scheidungen kommt für einen der Partner überraschend, hält die Nationalfonds-Studie fest. Die Hauptgründe: Verliebtheit, neue Beziehungen, Dauerkonflikte, Entfremdung; man hat sich nichts mehr zu sagen. Die Forscherin sagt: «Häufig bringen biografische Wendepunkte das Fass zum Überlaufen. Das kann zum Beispiel die Erkrankung des Ehepartners sein.»

Perrig-Chiello erwähnt eine Frau, die seit 26 Jahren verheiratet war. Ihr pensionierter Mann hatte Parkinson, brauchte zunehmend Hilfe im Alltag. Das forderte die Frau immer mehr, schliesslich verliess sie ihn abrupt. Das Umfeld war geschockt. Die Frau erklärte die Trennung damit, dass er sie jahrelang betrogen hatte. Erst jetzt, wo er Hilfe brauche, sei sie gut genug. Nun wolle sie auch noch etwas vom Leben haben.

Heimlichtuerei vor den «Kindern»

Wer sich heute scheiden lässt, wird nicht mehr stigmatisiert. Das gilt auch nach längerer Ehe. Dennoch braucht es oft Überwindung, die Veränderung im Umfeld bekanntzumachen. Das weiss auch Susanne Crameri, Fachanwältin für Familienrecht in Zürich. Sie vertrat einen Herrn in den Siebzigern, der sich nach 30 Jahren Ehe scheiden lassen wollte. Davor war er schon mehrere Jahre von seiner Frau getrennt gewesen und hatte eine neue Freundin in seinem Alter. 

«Er zögerte die Scheidung so lange hinaus, weil er die Kinder nicht damit belasten wollte», sagt Crameri, «wobei die ‹Kinder› auch schon Mitte 30 waren.» François Höpflinger bestätigt: «Trennungen wegen neuer Beziehungen werden mitunter vor den erwachsenen Kindern versteckt.» Nicht nur die Kinder werden so lange wie möglich geschont. «Manche Paare reichen erst dann die Scheidung ein, wenn alle Elternteile gestorben sind.

«Viele Frauen haben Angst, nach der Pension des Mannes Freiheiten zu verlieren.»


François Höpflinger, Altersforscher

Höpflinger glaubt übrigens nicht, dass der Trend zur späten Scheidung noch lange so anhält; ältere Paare würden zunehmend neue Formen des Zusammenlebens entdecken und erproben. Der Altersforscher nennt etwa offene Paarbeziehungen, wo im Alltag jeder seine eigenen Wege geht. Frau und Mann machen getrennt Ferien und verbringen ihre Freizeit auf unterschiedliche Weise. «Eine andere Variante ist ‹living apart together›: Man bleibt formell zusammen, hat aber zwei Wohnsitze.»

Wie gross ist die Chance, dass Paare nach langem Auseinanderleben gemeinsam die Romantik wiederentdecken? «Das ist in den meisten Fällen eine Illusion», sagt Höpflinger. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Scheidung: So siehts finanziell aus

  • Vermögen: Ohne Ehevertrag gilt die sogenannte Errungenschaftsbeteiligung – das während der Ehe gemeinsam erwirtschaftete Vermögen wird hälftig geteilt.
  • AHV: Die während der Ehe eingezahlten Beiträge inklusive Erziehungs- und Betreuungsgutschriften werden hälftig geteilt. Bei einer gerichtlichen Trennung oder Scheidung erfolgt eine Entplafonierung: Beide Ehegatten erhalten je eine ganze AHV-Rente.
  • Pensionskasse: Das während der Ehe angesparte Pensionskassengeld muss grundsätzlich hälftig geteilt werden. Auch wenn einer der Gatten oder beide bereits pensioniert sind. Das Scheidungsgericht spricht dem ausgleichungsberechtigten Gatten eine lebenslange Rente zu oder überträgt den Rentenanteil in seine Vorsorge. Diese Regelung für Pensionierte gilt erst seit 2017. Personen, die vor 2017 geschieden wurden, können unter Umständen eine Umwandlung der Entschädigungsrente in eine lebenslange Vorsorgerente beantragen.
  • Unterhalt: Nachehelicher Unterhalt ist geschuldet, wenn es einem Gatten nicht möglich oder zuzumuten ist, seinen gebührenden Lebensunterhalt mit dem eigenen Einkommen zu finanzieren, und wenn die Zahlung dem anderen Gatten finanziell zuzumuten ist.


Text: Helena Ott

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