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ParapsychologieAm Rand des Wissens

Spuk, Telepathie & Co.: Wenn die traditionelle Wissenschaft ein Phänomen nicht erklären kann, wird es für Hirnforscher Felix Hasler erst richtig spannend.

Sind Spukphänomene Symptom einer psychischen Belastung?
von aktualisiert am 08. Januar 2018

Das Aussergewöhnliche ist eigentlich ganz normal. Über die Hälfte der Menschen hat schon Unerklärliches erlebt – sei es mit Hellsehen, Spuk oder ausserkörperlichen Erfahrungen. Das zeigen Umfragen.

Diese Amerikanerin erzählt zum Beispiel: «Meine Schwester heiratete, als ich 17 war. Eines Nachts träumte ich, dass mein Schwager Ed mit einem Jungen auf der Jagd war. Plötzlich brach Ed zusammen. Ein Schuss hatte sich gelöst, nachdem der Junge mit dem ungesicherten Gewehr durch einen Zaun geklettert war. Ed verblutete. Durch den Traum geängstigt, rief ich meine Schwester an, um sie zu warnen. Sie und mein Schwager lachten mich aus. Zwei Tage später machte Ed mit einem Freund einen Jagdausflug. Er starb genau so, wie ich es in meinem Traum gesehen habe.»

Manchmal hat man es aber auch ganz unvermutet mit Spukhaftem zu tun, wie dieses Erlebnis zeigt: «Wir sassen im Wohnzimmer, zusammen mit unserer Freundin Klara, die auf der Couch eingeschlafen war. Der Hund lag am Fussende und schlief auch. Plötzlich fuhr das Tier in die Höhe, verkrampfte sich unnatürlich, flog durchs Wohnzimmer und glitt an der Schrankwand herab. Es zitterte am ganzen Leib. Auf einmal hob sich Klaras Brille, die auf der Fernsehzeitung lag, ganz langsam in die Höhe und sank ebenso langsam wieder auf die Zeitung zurück.»

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Beraterhochburg in Süddeutschland

Wenn einem etwas Ungewöhnliches widerfährt, sind die Reaktionen ganz unterschiedlich. Sie reichen von schlichter Verwunderung bis zu existenzieller Erschütterung. Doch an wen soll man sich wenden, wenn man etwas Unerklärliches erlebt hat? Offizielle Ansprechpartner sind nicht vorgesehen. Polizei und Feuerwehr werden sich für nicht zuständig erklären, der Hausarzt dürfte dem verstörten Anrufer höchstens zu einer Abklärung in der Psychiatrie raten. Allenfalls bliebe noch der Pfarrer, der traditionell auch für den Umgang mit Okkultem, Wundern und Besessenheit zuständig ist.

Glück hat, wer in der Nähe Baden-Württembergs lebt. Denn in Freiburg gibt es gleich zwei spezialisierte Beratungsstellen für «aussergewöhnliche Erfahrungen». Zum einen am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), wo der Psychologe Eberhard Bauer arbeitet. «Menschen haben Erfahrungen, die sie nicht einordnen können. Hier zu helfen ist mit eine Existenzberechtigung unseres Instituts», sagt er.

Nur einen Kilometer entfernt liegt die Parapsychologische Beratungsstelle der Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie (WGFP). Der Physiker Walter von Lucadou – von der Presse gern als Deutschlands bekanntester Spukforscher bezeichnet – hat sie 1989 gegründet und leitet sie bis heute. 

In der ganzen Schweiz und im übrigen Deutschland gibt es keine vergleichbaren Beratungsangebote. Wohl auch deshalb haben die Freiburger Parapsychologie-Berater viel zu tun. Allein von Lucadous Beratungsstelle bearbeitet laut eigenen Angaben rund 3000 Anfragen pro Jahr.

«Es läuft eben nicht wie in den Ghostbusters-Filmen. Echte Spukphänomene zeigen eine ausgeprägte Beobachterscheu.»

 

Eberhard Bauer, Psychologe

Unter den Ratsuchenden am IGPP gibt es mehr Frauen als Männer. Das Bildungsniveau ist eher hoch. In ihrer aktuellen Lebenssituation besteht eine Tendenz zur Isolation. Die meisten berichten auch von sozialen oder körperlichen Problemen. Bei etwa der Hälfte der Beratungsgespräche treten Symptome auf, die Psychologen als Hinweise auf eine psychische Auffälligkeit einstufen. Der hausärztliche Rat, sich psychiatrisch abklären zu lassen, ist also nicht immer falsch.

«Beim Spuk geht es meist um zwei Hauptphänomene: zum einen um das Erscheinen oder die Verschiebung von Gegenständen, also eine ‹Verrückung› im alltäglichen Wohnraum, zum andern um akustische Phänomene wie Klopfen, Poltern, Schritte», erzählt der Psychologe Eberhard Bauer vom IGPP im Gespräch. Beide seien fast immer nur das Initialphänomen. Später komme das Gefühl hinzu, nicht mehr allein zu sein. «Es gibt eine fremde Präsenz. Als würde sich ganz allmählich ein ‹Gegenüber› aufbauen.»

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Ich frage Bauer, wie ein Beratungsgespräch typischerweise abläuft. «Die Leute, die bei uns anfragen, klopfen natürlich erst mal ab, was wir denn von diesen Themen verstehen und wie wir uns dazu positionieren. Und viele erwarten, dass wir irgendwelche magischen Apparate haben und die Störung ausschalten», sagt Bauer. 

Er und sein Team gehen bisweilen auch zu den Leuten nach Hause, um sich die Auswirkungen ihrer Spukerlebnisse anzusehen, erzählt der Psychologe weiter, vor allem dann, wenn sie einen grossen Leidensdruck spüren. «Eins stellen wir allerdings immer wieder fest. Wenn wir sagen, dass wir am nächsten Tag mit der Videokamera kommen, rufen uns die Leute vorher an und sagen: ‹Sie müssen nicht mehr kommen, die Phänomene haben aufgehört.›» In der Realität laufe es eben nicht so wie in den «Ghostbusters»-Filmen. «Echte Spukphänomene zeigen eine ausgesprochene ‹Beobachterscheu›.» Diese Elusivität, die Flüchtigkeit des Ereignisses, ist geradezu charakteristisch für einen Spuk. Aussenstehende können in der Regel nur die Folgen dokumentieren, zum Beispiel ein verwüstetes Zimmer.

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Parapsychologie

Walter von Lucadou, der Leiter der zweiten Freiburger Beratungsstelle, teilt den Standardspuk in vier Phasen ein. Am Anfang steht die Überraschungsphase. Es geschieht etwas, was man nicht versteht. Etwas geht nicht mit rechten Dingen zu. Grosses Staunen. Verunsicherung. 

Darauf folgt die Verschiebungsphase. Die Betroffenen beobachten ihre Umgebung nun ganz genau, nehmen die Welt aufmerksamer wahr. War da ein Geräusch? Hat sich etwas bewegt? Doch das Spukereignis wiederholt sich nicht dort, wo es zuerst auftrat. Es kommt zu einer Verschiebung an einen anderen Ort oder zu einer Veränderung der Phänomene. Hier ist nach von Lucadou der Spuk dramatisch und vielfältig. Bilder fallen von der Wand, Möbel kippen um, verschlossene Fenster öffnen sich von allein. 

Es folgt die Absinkungsphase. Der Spuk verschwindet allmählich. Vielleicht sind nun auch Bekannte oder Journalisten vor Ort, die Zeugen der Ereignisse sein wollen. Aber es passiert nichts mehr. Das ist den Betroffenen peinlich, weil sie befürchten, dass man sie für verrückt hält. 

Die vierte Phase nennt von Lucadou Verdrängungsphase. Es geht nicht mehr um den Spuk, sondern die Person, die ihn erlebt hat. Betroffene werden als Selbstdarsteller, Betrüger oder psychisch labil wahrgenommen. Die Gesellschaft will die Anomalie ausmerzen, der Spuk soll nie stattgefunden haben. Diese Stigmatisierung ist für Betroffene mindestens so belastend wie das Spukerlebnis selbst.

Die Rolle der Fokusperson

Was aber löst die Phänomene aus, über die als anthropologische Konstante seit je berichtet wird und die in allen Kulturen auftreten? Physiker und Psychologe von Lucadou hat folgende Erklärung: «Nach allem, was wir wissen, entsteht ein Spuk fast immer nur in Gegenwart einer bestimmten Person, die ein Problem mit sich herumträgt. Wir nennen sie die Fokusperson.» Wie Klara im Beispiel mit dem Hund und der Brille. «Eine denkbare Erklärung ist, dass es sich beim Spuk um eine Externalisierung von psychischen Problemen handelt», so von Lucadou. 

Spukphänomene als Projektion nach aussen, als materialisierte Symptome einer psychischen Belastung? Das ist gewöhnungsbedürftig. «Spukphänomene spielen sich gewissermassen in der Grenzregion zwischen Psychologie und Physik ab. Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstrukturen scheinen fähig zu sein, solche Verarbeitungsprozesse nicht nur in der Psyche, sondern auch in der Umgebung stattfinden zu lassen. Der Spuk ist eine psychosomatische Reaktion, die sich in ihrer Umgebung auswirkt», schreibt von Lucadou in seinem Buch «Die Geister, die mich riefen».

«Ein Spuk entsteht meist nur in Gegenwart einer bestimmten Person, die ein Problem mit sich herumträgt.»

 

Walter von Lucadou, Physiker

Die Vorstellung einer psycho-physischen Kopplung mit realen Auswirkungen in der materiellen Welt fällt zwar aus dem Rahmen aller gängigen Wissenschaftsmodelle. Doch neu ist sie nicht. Schon der Psychoanalytiker C. G. Jung und der österreichische Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli haben diese Möglichkeit in Betracht gezogen.

Psychologe Bauer sieht die Sache ähnlich wie sein Kollege von Lucadou: «Spukphänomene sind in irgendeiner Art und Weise immer systemische Phänomene. Ein Spuk ist eine Einkleidung, eine Art Traum, der sich ausserhalb des Körpers manifestiert. Vielleicht sind die Dinge so eng verknüpft, dass die Frage nach einer Unterscheidung von innen und aussen gar nicht klar zu treffen ist.»

Und was, wenn die Ratsuchenden trotz allen Erklärungsversuchen davon überzeugt bleiben, dass der Spuk aus dem Jenseits kommt? Spukexperte von Lucadou gibt sich pragmatisch: «Es ist nicht unsere Aufgabe, die Konzepte der Leute in irgendeiner Weise zu beurteilen oder zu ändern oder gar den Schiedsrichter zu spielen. Wir überprüfen nur, ob die Konzepte, die die Leute benutzen, für sie selbst hilfreich sind.» Wenn es für eine Witwe tröstlich sei, dass der verstorbene Mann erscheint, dann müsse man an dieser Überzeugung auch nichts ändern.

Parapsychologie polarisiert

Sie lesen immer noch? Das spricht für Ihre Aufgeschlossenheit. Bestimmt sind viele Leser schon nach wenigen Zeilen dieses Artikels unter innerem Protest ausgestiegen. Denn kaum ein Thema polarisiert so stark wie die Parapsychologie. Ganz besonders in der Welt der Wissenschaften. «Der Umgang mit dem Paranormalen wirkt wie ein Rorschachtest», sagt Eberhard Bauer. «Jeder sieht irgendetwas darin. Das kann bis zur Bedrohung des eigenen Weltbilds gehen.» Und natürlich gebe es immer auch einen impliziten metaphysischen Verdacht, wenn man diese Forschung betreibe, so Bauer.

Auch Marc Wittmann, Neuropsychologe und Experte für Zeitwahrnehmung, ist Forscher in den Grenzgebieten. Ich habe früher zusammen mit ihm an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich zum Zeiterleben unter dem Halluzinogen Psilocybin geforscht. 

Auf zum Selbsttest

Wittmann ist den Grenzregionen der Wissenschaft treu geblieben. In seinem Labor in Freiburg nehme ich an einem sogenannten Remote-Viewing- oder Fernwahrnehmungs-Experiment teil. Dazu entspanne ich mich zuerst mit möglichst wenig Sinneseindrücken. Eine Spezialbrille verströmt gleichmässiges rotes Licht, über einen Kopfhörer höre ich weisses Rauschen. Im Nebenraum liegt ein Umschlag mit vier Fotos – eines ist mein Zielobjekt.

Als Nächstes soll ich mir eine Stunde lang unter Anleitung vorstellen und aufschreiben, was ich auf dem Zielobjekt zu «sehen» meine. Ist es dort natürlich oder künstlich? Angenehm oder unangenehm? Weit oder eng? Heiss oder kalt? Am Ende zeigt man mir die vier Bilder, und ich muss den Grad der Übereinstimmung beurteilen. Das Motiv des Eisbären in der Arktis passt perfekt. Das mit dem Waldbrand überhaupt nicht. 

Parapsychologie

Später erfahre ich, dass mein Zielobjekt das U-Boot an der Meeresoberfläche war. Also kein Treffer. Aber das will noch nichts heissen. Ich bin nur eine von 36 Versuchspersonen. Und in der Pilotstudie hatten die Forscher einen hochsignifikanten Effekt gefunden: 14 statt der statistisch zu erwartenden sechs Treffer.

Die Studie hat einen historischen Hintergrund. Sie ist an das Versuchsprotokoll des Stargate-Programms angelehnt, das von 1978 bis 1995 vom US-Militär finanziert wurde. Es sollte prüfen, ob man mit parapsychologischen Methoden militärstrategisch verwertbare Informationen gewinnen kann. Das über lange Zeit geheim gehaltene Psi-Forschungsprogramm erlangte durch den Kinofilm «Männer, die auf Ziegen starren» einige Berühmtheit.

Viele Kollegen aus der akademischen Psychologie halten wenig von parapsychologischer Forschung. Die Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Psychologie stellte 2015 zu einer früheren Studie Wittmanns die Frage, «welchen Sinn der x-te verzweifelte Versuch des Nachweises aussersinnlicher Beeinflussung machen soll». Man könne Wittmanns Vorhaben insofern als «ethisch fragwürdig» ansehen, als es «eigentlich Probanden nicht zumutbar ist, sich für Untersuchungen zur Verfügung zu stellen, deren Erkenntnisgewinn a priori fraglich bis nichtig ist».

«Wenn das reine Vorurteil zuschlägt, ist es natürlich schwierig», kommentiert Psychologe Bauer die unverhohlene Ablehnung vieler Wissenschaftler. «Man kann sich auch fragen, warum manche – längst nicht alle – Wissenschaftler so unglaublich allergisch auf dieses Thema reagieren. Vielleicht liegt es daran, dass sie solche Phänomene an die in ihrem eigenen Wissenschaftsfeld nicht diskutierten Voraussetzungen erinnern.»

Die Grundprobleme der Anomalistik

Tatsächlich hat die Anomalistik-Forschung seit je zwei Grundprobleme: die Elusivität (Flüchtigkeit) der untersuchten Phänomene und das Replikationsproblem. Elusivität meint, dass sich die Effekte dem klassischen naturwissenschaftlichen Zugriff zu entziehen scheinen. Mal taucht ein Effekt überraschend auf, aber sobald man versucht, ihn mit Experimenten und Kontrollen dingfest zu machen, verschwindet er oder tritt an anderer, unerwarteter Stelle auf. 

Das Replikationsproblem bezeichnet die Erfahrung, dass ein experimentell gefundener Effekt in der ersten Studie meist am grössten ist, in späteren Studien dann aber immer weiter abnimmt. Skeptiker argumentieren, dass die Studienergebnisse nicht reproduzierbar seien, weil es die vermuteten paranormalen Phänomene gar nicht gebe.

Doch das Replikationsproblem ist keine Besonderheit der Anomalistik-Forschung. Die Mainstream-Psychologie kämpft mit dem gleichen Phänomen. 2015 veröffentlichte das Magazin «Science» die Ergebnisse einer grossangelegten internationalen Studie zur Wiederholbarkeit psychologischer Experimente. 270 Forscher hatten versucht, 100 Experimente zu replizieren, die 2008 in wichtigen Fachzeitschriften veröffentlicht worden waren. 

«Die Forscher denken, das kann gar nicht sein, da muss im Experiment was schiefgelaufen sein.»

 

Walter von Lucadou, Physiker

Das Ergebnis war ernüchternd. Gerade einmal 39 Prozent der Studienwiederholungen konnten die ursprünglichen Ergebnisse nachvollziehen. Und die Stärke der Effekte war im Durchschnitt nur halb so gross wie bei den Originalexperimenten. Seither streiten Psychologen und Statistiker heftig darüber, wie Studien richtig geplant und Daten interpretiert werden sollten.

Das Leib-Seele-Problem

Den Parapsychologen wird oft auch vorgeworfen, sie hätten keine theoretischen Erklärungsmodelle und experimentierten ohne Konzept drauflos. Doch bereits existieren verschiedene Ansätze, diese Phänomene auch prinzipiell zu erklären – inklusive ihrer Flüchtigkeit. Ein Beispiel sind Theorien in Analogie zur Quantenmechanik, wie sie auch Physiker Walter von Lucadou vertritt.

Kommt hinzu, dass sich die Neurowissenschaften dieselbe Kritik gefallen lassen müssen. Auch hier fehlt eine grundlegende Theorie des Gehirns. So ist auch die fundamentale Frage, wie aus Hirnprozessen Bewusstsein entsteht, nach wie vor ungeklärt. Sicher scheint nur, dass es «versteckte» grundlegende Faktoren geben muss, die man noch nicht gefunden hat. 

Es erscheint sogar vernünftig, das notorisch widerspenstige Leib-Seele-Problem als wichtigstes Teilproblem der Anomalistik zu verstehen. Hier ergäbe sich auch die Chance einer Brückenfunktion, über die Psi-Forschung und Neurowissenschaften eines Tages anschlussfähig werden könnten.

Übrigens sind auch überzeugte Skeptiker nicht vor aussergewöhnlichen Erlebnissen gefeit. Ein Beispiel ist Michael Shermer, Gründer der amerikanischen Skeptics Society und Chefredaktor des Magazins «Skeptic». Er schrieb über eine persönliche Erfahrung, die «so mysteriös war, dass sie meinen Skeptizismus erschütterte». 

Parapsychologie

Shermer erzählt von seiner deutschen Frau Jennifer: «Die engste Bezugsperson in ihrer Kindheit war ihr Grossvater Walter. Er starb, als sie 16 war.» Bis heute habe sie das Philips-Transistorradio ihres Grossvaters aus dem Jahr 1978 aufbewahrt. Sie hatte es in die USA mitgenommen, wo sie mit ihrem künftigen Mann leben wollte. Weil niemand das Gerät zum Laufen bringen konnte, verstauten sie es in einer Schublade. 

«Am 25. Juni 2014 heirateten wir», erzählt Shermer weiter. Sie seien nach Hause zurückgekehrt, um mit der Familie zu feiern. Jennifer habe ihre Freunde und ihre Familie in Deutschland und vor allem ihren verstorbenen Grossvater vermisst. Plötzlich habe sie ihren Mann zur Seite genommen und ihn zum Schlafzimmer geführt, weil dort Musik zu hören war. Die beiden hätten das Zimmer betreten und die Quelle der Musik gesucht. «In diesem Moment warf mir Jennifer einen Blick zu, den ich seit ‹Der Exorzist› nicht mehr gesehen hatte. Sie öffnete die Schublade und nahm Grossvaters Radio heraus, das gerade ein romantisches Lied spielte. Minutenlang sassen wir fassungslos da.» Später seien sie zur klassischen Musik eingeschlafen, die aus dem Radio erklang. «Am nächsten Tag ging das Radio wieder aus und ist seither stumm geblieben.»

Fazit nach 100 Jahren Forschung

Kommen wir zur Kernfrage. Was ist der Stand der Erkenntnis nach gut 100 Jahren experimenteller Erforschung paranormaler Phänomene? Gibt es Hellseherei? Existieren Fernwahrnehmung, Gedankenübertragung oder die Beeinflussung von Materie durch geistige Kräfte? 

Wenn man sich die umfassenden Metaanalysen der letzten Jahre anschaut, ist statistisch betrachtet kaum ein Zweifel möglich, dass diese klassischen Anomalie-Phänomene real existieren. Die Irrtumswahrscheinlichkeit reicht dabei von gerade knapp signifikant (Präkognition) bis zu 1 zu 10 Billiarden (Fernübertragung im Ganzfeld). Die Wahrscheinlichkeit eines Lottohauptgewinns ist statistisch gesehen zehn Millionen Mal so gross, wie dass die Ergebnisse aus den Ganzfeldstudien rein zufällig zustande gekommen sind.

«Nach fast 50 Jahren Beschäftigung mit diesen Phänomenen verdichtet sich bei mir die Erkenntnis: Da ist etwas», sagt auch Psychologe Eberhard Bauer. Phänomenologisch gebe es diese Ereignisse zweifelsfrei. «Wobei ich immer noch keine klare Antwort darauf habe, wie diese Phänomene zustande kommen.»

Neben der statistischen Signifikanz, der Wahrscheinlichkeit, dass ein Ergebnis nicht nur zufällig zustande gekommen ist, muss man die Stärke des Effekts beachten. Und diese Effektstärke ist über alle Psi-Phänomene hinweg klein bis sehr klein. Das deckt sich auch mit unserer Alltagsrealität. Aussergewöhnliche Erfahrungen sind ganz selten, treten spontan und nicht vorhersehbar auf. Wäre die Effektstärke sehr gross, hätten wir ja dauernd Vorahnungen oder Gedankenübertragungen. 

Es sieht eher danach aus, dass in Extremsituationen wie einer lebensbedrohlichen Notlage plötzlich sonst unzugängliche Informationen als intuitive, unbewusste Wahrnehmungen verfügbar werden. Ein Phänomen, das in der Parapsychologie als «Krisentelepathie» gut beschrieben ist.

Der Gelehrtenstreit geht weiter

Statistisch gesehen scheinen Psi-Phänomene tatsächlich zu existieren. Doch darüber, was diese Ereignisse dem Wesen nach sind, gehen die Ansichten weit auseinander. In der klassischen Sicht gibt es einen Signalgeber, einen Kanal und einen Empfänger. Man geht von einer noch unbekannten Form des Informationstransfers durch einen stark verrauschten Kanal aus – etwa aus der Zukunft –, den man aber mit geeigneten Experimenten sichtbar machen kann.

Physiker und Spukforscher Walter von Lucadou dagegen vertritt eine Systemtheorie, die die Quantenphysik verallgemeinert. Nicht nur auf Ebene der Elementarteilchen seien Verschränkungseffekte (Einsteins «spukhafte Fernwirkung») wirksam, sondern auch in der makroskopischen Welt. 

Verschränkungen treten laut von Lucadou auch in traditionellen naturwissenschaftlichen Untersuchungen auf, würden dort aber nicht erkannt: «Solche Effekte sind in den Daten häufig zu sehen, werden aber regelmässig weggeworfen. Weil die Forscher denken, das kann gar nicht sein, da muss im Experiment etwas schiefgelaufen sein.»

Wie auch immer der Gelehrtenstreit ausgehen mag, die paranormalen Phänomene werden nicht aufhören. Und in den konventionellen Wissenschaften wird die Abwehrdiskussion weiterhin unnachgiebig geführt werden. Schliesslich steht nicht weniger auf dem Spiel als unsere naturwissenschaftliche Wirklichkeitsordnung, an die wir uns so schön gewöhnt haben.

 

Bilder: Getty Images, Montagen: Rudi-Renoir Appoldt

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1 Kommentar

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tom
Ein ausgewachsenes, menschliches Gehirn enthält rund 100 Milliarden Hinrnzellen, jede Zelle kann bis zu 1000 Verbindungen (Synapsen) zu anderen Hirnzellen aufbauen (Lernprozesse) und darüber elektro-chemisch kommunizieren. Dieses Netzwerkgeflecht besteht bei einem Erwachsenen aus rund 100 Billionen Verbindungen. Wir wissen, wo Strom fliest (auch Nanoströme) entstehen magnetische Felder und wir wissen auch, wo magnetische Felder sind, können Ströme induziert werden. Des weiteren wissen wir, ein Elektronenspin lässt sich zu einem Partnerteilchen quantenmechanisch verschränken. Diese Verschränkung kann als Informationskanal über Raumgrenzen hinweg benutzt werden (s. Funktionsweise Quantencomputer). Warum diese lange Erklärung: Wir können aufgrund dieser rein physikalischen Tatsachen nicht ausschliessen, dass unsere Hirnzellen auf Umweltbedingungen reagieren, welche elektromagnetische (-oder statische) sowie quantenmechanische Eigenschaften bzw. Wirkfelder aufweisen. Es gibt noch viel zu forschen und zu entdecken :-)