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SelbständigkeitNie mehr Feierabend?

Fast 14 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen sind selbständige Unternehmer. «Do it yourself» will gut vorbereitet sein, sonst kann das Experiment leicht im Ruin enden.

Selbstausbeutung inbegriffen: Wer selbständig arbeitet, hat eigentlich nie Büroschluss.
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Firmengründungen stehen so hoch im Kurs wie noch nie: 36'861 Unternehmen wurden im vergangenen Jahr neu im Schweizerischen Handelsregister eingetragen. Hinzu kommt eine unbekannte Anzahl von Kleinfirmen ohne Registereintrag. Inzwischen sind beinahe 14 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz selbständige Unternehmer.

Die Wirtschaftskrise und die somit fehlenden Geldmittel haben zwar zu einem harzigen Start ins neue Jahr geführt; bis Ende März 2009 wurden 8755 neue Firmen eingetragen, was gegenüber der Vorjahresperiode einem Rückgang von 7,2 Prozent entspricht. Fachleute sind sich aber einig, dass diese Baisse nur vorübergehend sein wird, denn der Reiz von Selbstverwirklichung im Beruf ist ungebrochen. Gemäss einer Studie der Uni Bern ist der Hauptantrieb für den Schritt ins Unternehmertum «der Wunsch, eigene Ideen zu verwirklichen» und «etwas Eigenes aufzubauen». Der Traum vom finanziellen Erfolg steht hingegen weniger im Vordergrund. Viele Unternehmer glauben gar, dass sie im Angestelltenverhältnis mehr verdienen könnten. Trotzdem gaben 87 Prozent der befragten Selbständigen an, ihr Geschäft entwickle sich zufriedenstellend bis erfreulich nur 13 Prozent sind unzufrieden.

Doch nicht immer steckt hinter der Firmengründung der lang gehegte Wunsch, endlich sein eigener Chef zu sein. Gerade in Krisenzeiten ist es oft die schiere Not, die Angestellte dazu treibt, sich in die Selbständigkeit zu begeben – etwa weil die Firma ihre Abteilung schliesst und damit ihr ganzes Know-how verlorenginge oder unnütz würde. Oder weil sie fürchten, ihre Stelle zu verlieren und keine neue zu finden.

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Die Pleiten nehmen zu

Auch wer den Job schon verloren hat, sieht in der Selbständigkeit vielleicht einen Ausweg. Seit 1996 erlaubt das Arbeitslosenversicherungsgesetz die Unterstützung von Erwerbslosen, die sich selbständig machen wollen. Wer eine vernünftige Geschäftsidee und einen seriösen Businessplan präsentiert, kann für die Vorbereitung der Selbständigkeit bis zu 90 Taggelder beziehen. Während dieser Planungsphase ist man von der Bewerbungspflicht befreit.

Selbständigkeit ist immer mit Risiken verbunden. Der Schweizerische Gläubigerverband Creditreform rechnet angesichts der Wirtschaftskrise mit einer Zunahme der Firmenkonkurse auf rund 5800 bis zum Jahr 2011. Die Statistik der ersten drei Monate des laufenden Jahres bestätigt die düstere Prognose: 1223 Pleitefälle, 18,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Erfahrungsgemäss scheitert jeder fünfte Firmengründer, und dies relativ früh: Über die Hälfte der Konkurse entfallen auf Unternehmen, die weniger als fünf Jahre alt sind.

Auch wer es schafft, ist nicht auf Rosen gebettet – nicht selten reicht das, was man als Selbständiger erwirtschaftet, kaum zum Leben. Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 2005 leben 9,2 Prozent der Selbständigen unter der Armutsgrenze. Bei Selbständigen ohne Angestellte liegt der Anteil der Working Poor gar bei 12,8 Prozent. Besonders oft anzutreffen sind sie als «Freelancer» in den Bereichen IT, Medien und Kultur. «Wer sich selbständig machen will, muss wissen, worauf er sich einlässt», sagt Daniel Meier von der Wirtschaftsförderung beider Basel. Ungenügende Vorbereitung sei meist ein Hauptgrund für das Scheitern. Ein weiterer Risikofaktor sei Branchenfremdheit; vor allem der Traum vom eigenen Restaurant ende überdurchschnittlich oft in der Pleite.

Zu besonderer Vorsicht mahnt Daniel Meier bei Pensionskassengeldern. Viele Existenzgründer lassen sich ihre Altersvorsorge auszahlen, um den Firmenstart zu finanzieren. «Im Fall einer Pleite kann es leicht passieren, dass die Gelder weg sind.» Und dann steht man mit nichts da.

Eine gute Vorbereitung ist für Daniel Meier das A und O für den Erfolg des Unternehmens. «Eine gute Idee reicht nicht.» Das Produkt muss definiert werden, die Nachfrage abgeklärt, die richtige Gesellschaftsform gefunden. Und: Meier empfiehlt auch Einmannunternehmen dringend, einen Businessplan zu erstellen. Allzu leicht verschätzt man sich mit Beträgen und Fristen. Und allzu leicht geht etwas vergessen.

Eine zündende Idee kann sich auszahlen

So ist bei der Kalkulation vor allem zu beachten, dass Selbständigerwerbende die ganzen Beiträge für AHV, IV und Erwerbsersatzordnung selbst bezahlen müssen. Zusammen sind das 9,5 Prozent des Erwerbseinkommens. Neben den Sozialleistungen, für die Selbständige selber aufzukommen haben, muss man von den Einnahmen auch alle Material- und Fahrzeugkosten, Haftpflicht- und Unfallversicherung, Steuern und Ferien bezahlen. Teuer, aber empfehlenswert ist zudem eine Lohnausfallversicherung bei Krankheit und Unfall.

Der Schritt in die Selbständigkeit birgt indes nicht nur finanzielle Risiken. Auch die Work-Life-Balance kann gehörig aus den Fugen geraten. So wird aus den üblichen fünf Arbeitstagen gern eine Sechstagewoche, und oft sitzen die Unternehmer nachts noch am Schreibtisch, erledigen Bestellungen oder die Buchhaltung. Bei all den Gefahren, die das Unternehmen «Selbständigkeit» birgt, und bei allen düsteren Konjunkturprognosen möchte Wirtschaftsförderer Meier potentielle Unternehmer dennoch ermutigen: «Eine Krise birgt immer auch Chancen. Wer eine zündende Idee hat, innovativ ist und über die nötige Geduld und Hartnäckigkeit verfügt, kann durchaus Erfolg haben.»

Checkliste: Harte Fragen an sich selbst

Zu Beginn des Projekts Selbständigkeit sollten Sie sich die richtigen Fragen stellen – und sie ehrlich beantworten:

  • Weshalb wollen Sie sich selbständig machen? Keinen anderen Ausweg zu sehen ist eine schlechte Motivation.
  • Sind Sie bereit, sehr viel Zeit und Energie ins Geschäft zu investieren?
  • Trauen Sie sich zu, mit Kunden und mit Lieferanten zu verhandeln? Ein Netzwerk aufzubauen? Mitarbeiter zu führen?
  • Wie gross ist Ihr Durchhaltevermögen? Haben Sie finanzielle Reserven?
  • Was, wenn Ihr Vorhaben scheitert? Können Sie den Rückschlag akzeptieren? Haben Sie Alternativen?
Quelle: Schweizer Verband Creditreform; Infografik: Beo/DR
Quelle: Jupiterimages

Ein Betrug am Staat – und an sich selbst: Scheinselbständigkeit

Der Gipser, der sich als Unterakkordant auf dem Bau abschuftet; der Lastwagenfahrer, der als «Selbständiger» auf eigene Rechnung für seinen ehemaligen Chef fährt; der outgesourcte IT-Experte, der sich als Freelancer verdingt: Längst nicht jeder, der eine Firma gründet, tut dies aus freien Stücken. Immer öfter sind es die Arbeitgeber, die ihre Beschäftigten in die Selbständigkeit drängen. Seit den neunziger Jahren haben viele Firmen ihre Stammbelegschaft reduziert und behelfen sich mit Selbständigen. Oft handelt es sich dabei um eigentliche Anstellungs­verhältnisse – mit dem Unterschied, dass die Scheinselbständigen alle Kosten und Risiken selbst tragen.

Um Missbräuchen einen Riegel zu schieben, prüft die zuständige Ausgleichs­kasse alle Gesuche auf selbständige Erwerbstätigkeit. Als scheinselbständig gilt laut

Definition des Staatssekretariats für Wirtschaft, «wer sich – obwohl von einem Arbeitgeber beschäftigt – als selbständig erwerbstätig ausgibt, um keine Beiträge an die obligatorischen Arbeitnehmerversicherungen zahlen zu müssen». Dabei spielt es keine Rolle, wie das Vertrags­verhältnis benannt oder was über die Bezahlung der AHV-Beiträge vereinbart ist.

Weitere Infos

  • Institut für Jungunternehmen (IFJ): www.ifj.ch
  • www.startup.ch
  • Informationen für die Vorbereitung sowie Checklisten und Vorlagen für angehende Unternehmer: www.gruenden.ch
  • Die Wirtschaftsförderung beider Basel (Basel-Area) unterstützt und berät Start-ups: www.baselarea.ch
Veröffentlicht am 11. Mai 2009