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RauchenNeue Tricks – alte Lügen

Um Nikotinsüchtige bei der Stange zu halten, drücken die Tabakmultis neue Produkte auf den Markt. Und führen Konsumenten und Politik einmal mehr an der Nase herum – mit diesen sechs Methoden.

Seit Jahrzehnten bewirbt die Tabakindustrie mit allen Mitteln ihre Zigaretten (siehe Bildergalerie am Artikelende). Nun probiert sie das Gleiche mit neuen Tabakprodukten.
von und aktualisiert am 15. März 2018

Rauchen ist tödlich. Lukas Z.* weiss das und will trotzdem nicht aufhören. Er raucht seit dem 18. Lebensjahr, jetzt ist er 40. Er tut es eben gern. «Klar, irgendwann werde ich aufhören müssen», sagt er. Aber wann? Wie viele der rund zwei Millionen Raucher in der Schweiz glaubt auch er: «Ich bin nicht süchtig.»

Lukas Z. gehört zum neuen Zielpublikum der Tabakindustrie. Denn sie muss sich neu erfinden. Und sie tut das zum Teil von der Schweiz aus – mit Philip Morris und Japan Tobacco International haben gleich zwei Multis ihre Hauptsitze hier.

 

«Die Tabakkonzerne tun, was sie seit Jahrzehnten tun, wenn sie in politische oder juristische Schwierigkeiten geraten: Sie erfinden sich einfach neu und sagen: ‹Wir sind jetzt die netten Tabakfirmen.›»

Stanton A. Glantz, renommierter Tabakforscher 

 

Herkömmliche Zigaretten sind heute gesellschaftlich verpönt. Für Leute, die das Rauchen aufgeben wollen, ohne auf Nikotin zu verzichten, haben die Konzerne neue Produkte entwickelt. Nach den E-Zigaretten jetzt auch sogenannte Heat-not-burn-Geräte, die Tabak erhitzen statt verbrennen sollen.

Letztere heissen etwa IQOS (Philip Morris), Glo (British American Tobacco) oder Ploom (Japan Tobacco International) und funktionieren alle ähnlich. Eine Tabakpatrone wird in ein schickes Gerät geschoben und elektronisch erhitzt. Die Werbung verspricht «echten Tabakgenuss und Vergnügen» – «ohne Rauch, ohne Asche und mit weniger Geruch als bei Zigaretten».

«Die Tabakkonzerne tun, was sie seit Jahrzehnten tun, wenn sie in politische oder juristische Schwierigkeiten geraten», sagt der renommierte Tabakforscher und Anti-Raucher-Aktivist Stanton A. Glantz im Interview mit dem Beobachter Rauchen «95 Prozent weniger schädlich? Schlicht nicht wahr!» : «Sie erfinden sich einfach neu und sagen: ‹Wir sind jetzt die netten Tabakfirmen.›» 

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Die neuen Produkte: E-Zigaretten und Heat-not-burn

E-Zigaretten 

Elektronische Zigaretten werden mit einer Flüssigkeit (Liquid) befüllt, die durch Erhitzen verdampft. Es findet keine Verbrennung statt. Nikotinhaltige Liquids dürfen in der Schweiz nicht verkauft werden, der Import für den Eigengebrauch ist aber erlaubt. 

 

Heat-not-burn-Produkte

Bei Heat-not-burn-Produkten wird Tabak mit einem batteriebetriebenen Heizelement erhitzt. Dadurch entsteht ein nikotinhaltiges Gemisch. Diese Geräte sind in der Schweiz seit 2015 auf dem Markt.

Tatsächlich beklagen Zigarettenhersteller neuerdings öffentlich, dass über eine Milliarde Raucher weltweit ihre Gesundheit ruinieren. Und sie geloben, Teil einer Lösung sein zu wollen – mit E-Zigaretten und Heat-not-burn-Geräten, die helfen sollen, Raucher zum Aufhören zu bewegen. Was altruistisch klingt, ist knallhartes Business: «Risikoreduzierung ist ein Kernelement der Geschäftsstrategie von British American Tobacco», schreibt das Unternehmen.

Das Ziel der Tabakkonzerne: Indem sie ihre neuen Produkte als weniger schädlich anpreisen, suggerieren sie Nikotinsüchtigen eine Alternative zur Zigarette, um sie bei der Stange zu halten. Gleichzeitig nehmen sie den Gesundheitsbehörden den Wind aus den Segeln, die seit Jahrzehnten gegen die Tabakepidemie kämpfen. Allein in der Schweiz sterben jährlich rund 9000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums Rauchen Jetzt ist Schluss .

Die grossen Tabakfirmen investierten in den vergangenen Jahren massiv in die Erforschung, Entwicklung und Vermarktung von E-Zigaretten und Heat-not-burn-Geräten. Allein Philip Morris gibt an, drei Milliarden Dollar in IQOS (kurz für «I quit ordinary smoking») gesteckt zu haben.

Jetzt wollen sie die Ernte einfahren. Die Produkte, mit denen das geschehen soll, mögen neu sein. Die Methoden allerdings sind uralt.

Methode 1: Wissenschaftlichkeit vorgaukeln

«Wir sind uns der Verantwortung für die Gesundheit der Menschen bewusst, sie überragt alle anderen Überlegungen in unserem Geschäft», skandierte die Tabakindustrie 1954 in ganzseitigen Inseraten in den USA. Bloss gebe es keine Hinweise, dass Rauchen schädlich sei. Um diese – schon damals nicht mehr haltbare – Behauptung zu stützen, gründeten die Konzerne ein gemeinsames Forschungskomitee (das Tobacco Industry Research Committee).

«Dieses Komitee ist ein ausgeklügeltes PR-Vehikel, um die Gefahren des Rauchens abzustreiten und das Publikum einzulullen», urteilte ein US-Richter 1998. Das Schweizer Pendant – die wissenschaftliche Kommission der Vereinigung der schweizerischen Zigarettenfabrikanten – förderte bis Ende der neunziger Jahre genehme Forscher mit Millionensummen. Und diffamierte kritische Stimmen.

 

80 Millionen Dollar steckt Philipp Morris jährlich in seine Stiftung für eine rauchfreie Welt.

 

Wissenschaftliche Publikationen zu E-Zigaretten und Heat-not-burn-Produkten sind heute eines der wichtigsten Marketinginstrumente der Branche. 2016 gründete Philip Morris gar die Stiftung für eine rauchfreie Welt, die sie mit 80 Millionen Dollar pro Jahr alimentiert. Die Stiftung finanziert etwa Forschung zu «Gesundheitsrisiken von risikoreduzierten Produkten im Vergleich zu Zigaretten» – Stoff für die PR-Abteilung.

Wie die Multis Forscher für ihre Zwecke einspannen, zeigt eine Episode von 2013, als ein sogenanntes unabhängiges Wissenschaftskomitee zum Thema Drogen (Independent Scientific Committee on Drugs) in London E-Zigaretten bewertete. Die zwölf Experten einigten sich auf die Aussage, dass E-Zigaretten 95 Prozent weniger schädlich seien als herkömmliche. Seither geistert diese Zahl durch Debatten und Medien und gilt als fundierte Tatsache.

 

Was wie eine investigative Enthüllung klingt, ist ein PR-Produkt

Mit einer wissenschaftlichen Studie hat diese Auswertung allerdings wenig zu tun. Auch um die Unabhängigkeit des «unabhängigen Wissenschaftskomitees» ist es schlecht bestellt. Recherchen des Beobachters zeigen: Einer der Sponsoren des Treffens war die EuroSwiss Health SA. Gemeldet ist sie in Trélex bei Nyon. Konkret: an der Privatadresse des Südafrikaners Delon Human, eines Mannes mit besten Verbindungen zur Tabakindustrie. Bei ihm war bereits die Nicolife SA domiziliert, eine von British American Tobacco finanzierte Briefkastenfirma. Firmenzweck waren «Aktivität im Zusammenhang mit Nikotinkonsum als Ersatz für das Rauchen» und die «Entwicklung von Werbestrategien».

British American Tobacco bestätigt gegenüber dem Beobachter, dass Delon Human als Berater für den Konzern gearbeitet hat – für «Tabakschadensmilderungsstrategien, Wissenschaft und Produkte». Human ist auch Autor des Buchs «Wise Nicotine», das von einem «Geheimnis» zur Schadensreduktion bei Tabakprodukten spricht. Was wie eine investigative Enthüllung klingt, ist ein PR-Produkt – finanziell unterstützt von British American Tobacco. Inzwischen ist die Nicolife liquidiert, das Buch vergriffen und die Webseite verschwunden, die das Buch promotet und den Tabakkonsum verharmlost hat. Auf eine Anfrage des Beobachters reagierte Human nicht.

Methode 2: Unliebsame Forscher diskreditieren

Bis Ende der neunziger Jahre entschied die Kommission der Zigarettenfabrikanten in der Schweiz darüber, welche Forscher der Industrie genehm waren. Heute intervenieren die Konzerne direkt, wenn ihnen Forschungsresultate nicht gefallen. Das musste 2017 auch Reto Auer erfahren.

Der Professor für Hausarztmedizin der Uni Bern untersuchte mit Kollegen der Uni Lausanne das Tabakerhitzungsgerät IQOS von Philip Morris. Sie fanden im angeblich rauchfreien Produkt etwas, was dem Tabakmulti gar nicht passte: «Man kann es nicht anders als Rauch nennen», lautete der Titel der Studie, die Auer und sein Team in der renommierten Zeitschrift «Jama Internal Medicine» veröffentlichten.

Das Problem bei einer Zigarette sei nicht die Verbrennung, sagt Auer. «Das Problem ist, dass der Tabak in herkömmlichen Zigaretten nicht völlig verbrennt. Wenn aber nur eine Verschwelung – keine vollständige Verbrennung – stattfindet, was von Philip Morris nicht bestritten wird, macht das die Erhitzungsgeräte nicht weniger schädlich als Zigaretten, sondern möglicherweise sogar schädlicher.»

 

Am liebsten ist der Tabakindustrie eine Studie, die sie selber bezahlt und deren Ausrichtung sie bestimmen kann.

 

Solche Aussagen treiben die Tabakkonzerne zur Weissglut. Wenige Tage nach der Publikation forderte Philip Morris die Universitäten Bern und Lausanne auf, die Studie zurückzuziehen. In einem zweiseitigen Brief, der dem Beobachter vorliegt, fuhr der Tabakmulti schweres Geschütz auf. Die Ergebnisse seien «inakkurat» und «irreführend», stand da. Zudem schienen «die Studienautoren keine relevanten Erfahrungen im Studiengebiet» zu haben.

Im gleichen Brief bot Philip Morris der Unileitung an, für eine Studie mit «validierten Methoden» in einem «akkreditierten Labor» aufzukommen. Sprich: Am liebsten ist der Tabakindustrie eine Studie, die sie selber bezahlt und deren Ausrichtung sie bestimmen kann. Beide Universitäten lehnten das Angebot höflich ab.

Klicken Sie auf das Bild, um den Brief im PDF-Format herunterzuladen.

Methode 3: Ärzte beeinflussen

Im Fokus der Tabakmultis sind nicht nur Raucher und Wissenschaftler, sondern auch Mediziner. Man will die Ärzte überzeugen, dass die neuen Produkte viel weniger schädlich seien als Zigaretten. Auch hier greift die Industrie auf altbewährte Methoden zurück. Der letztjährigen Maiausgabe der Zeitschrift «Der informierte Arzt» lag ein «Special» bei, das unter Ärzten für viel Aufruhr sorgte: eine von Philip Morris verfasste, zwölfseitige Sonderbeilage zu IQOS.

Die Broschüre trägt den unverdächtigen Titel «Wenn der Rauchstopp nicht gelingt – Neue Wege zur Schadensminderung beim Tabakkonsum» und ähnelt mit ihren Tabellen, Grafiken und Referenzen einer wissenschaftlichen Publikation. Schaut man die aufgeführten Studien aber genauer an, wird schnell klar, dass die meisten zitierten Artikel von Philip-Morris-Mitarbeitern stammen oder vom Tabakmulti finanziert wurden, wie eine Auswertung des Beobachters zeigt.

Die Werbebeilage in der Ärztezeitschrift erinnert an eine Aktion der US-Tabakindustrie vom Oktober 1957. Damals liess ein sogenanntes Tabakinformationskomitee 350'000 Exemplare eines Pamphlets an Ärzte verteilen. Der Titel des ersten Artikels: «Sechs Experten bezweifeln die Rauchen-Krebs-Theorie». Die vierseitige Broschüre hatte ein simples Ziel. Sie wollte Zweifel säen an der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass zwischen Zigarettenkonsum und Lungenkrebs ein Zusammenhang besteht.

Gesundheitszigarre
Jahrelang verbreitete die Industrie Falschmeldungen wie diejenige zur...

Methode 4: Zwietracht und Verunsicherung

In einem Punkt hat die Tabakindustrie bereits gewonnen. Sie hat Ärzteschaft und Präventionsfachleute gründlich verunsichert. Einige Exponenten sind heute überzeugt, dass E-Zigaretten und Heat-not-burn-Produkte helfen, mit Rauchen aufzuhören.

Andere befürchten allerdings, dass diese Produkte ausstiegswillige Raucherinnen und Raucher dazu bewegen, ihre Sucht nur anders zu befriedigen – und sich dabei vorzumachen, etwas Gutes zu tun, weil sie nicht mehr zur schädlichen Zigarette greifen.

 

Die kleinen Details

Dabei sind die langfristigen gesundheitlichen Folgen von E-Zigaretten und Heat-not-burn-Produkten weitgehend unbekannt. Auch ist nicht erwiesen, dass sie helfen, vom Rauchen wegzukommen. Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum entlarvt die Argumentation der Industrie: «Eine Schadstoffsenkung um 90 Prozent bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich das Gesundheitsrisiko um 90 Prozent verringert.»

Das weiss auch die Tabakindustrie. Auf Flyern für das Heat-not-burn-Produkt Glo («Simpler. Cleaner. Better») schreibt British American Tobacco, dass damit die Schadstoffe aus der Tabakverbrennung zu über 90 Prozent eliminiert werden könnten. In Kleinschrift steht dann: «Diese Eigenschaften garantieren nicht, dass dieses Produkt weniger schädlich als andere Tabakerzeugnisse ist.» Und noch kleiner, ohne Lupe fast nicht mehr entzifferbar: «Dieses Tabakerzeugnis kann Ihre Gesundheit schädigen und macht abhängig.»

 

«Die Tabakindustrie tut alles, um ein striktes Werbeverbot für E-Zigaretten und andere neue Produkte zu verhindern.»

Rainer Kaelin, Facharzt für Lungenheilkunde und innere Medizin

 

Solche Sätze sind Balsam für diejenigen, die sich seit Jahrzehnten gegen die Macht der Tabakkonzerne stellen. Einer, der sich immer wieder exponiert, ist Rainer Kaelin, Facharzt für Lungenheilkunde und innere Medizin und Ex-Vizepräsident der Lungenliga Schweiz: «Die Tabakindustrie tut alles, um ein striktes Werbeverbot für E-Zigaretten und andere neue Produkte zu verhindern.»

 

Gesetzliche Regelung gefordert

Unterstützung erhält er von den Gesellschaften der Pneumologen und der Kinderpneumologen. Sie fordern, dass E-Zigaretten wie andere Tabakprodukte gesetzlich geregelt werden – und nicht noch steuerlich entlastet, wie jetzt in der Schweiz der Fall.

Ihre Argumentation: E-Zigaretten und Heat-not-burn-Produkte seien toxisch und machten abhängig. Lungenarzt Kaelin: «Kein vernünftig denkender Mensch kommt auf die Idee, Werbung für ein Produkt zuzulassen, an dessen Auswirkungen früher oder später jeder zweite Konsument stirbt.» 

Einer, der für die E-Zigaretten als Rauchstopp-Hilfe eintritt, ist Jean-François Etter, Professor für öffentliche Gesundheit an der Universität Genf. Er ist der Auffassung, die meisten Raucher hätten wegen der Nikotinsucht grosse Mühe mit dem Aufhören. In seinem Buch «La vérité sur la cigarette électronique» (Die Wahrheit über die E-Zigarette) argumentiert er, mit der E-Zigarette könnten sich Raucher Nikotin verabreichen, ohne toxische Substanzen aus der Tabakverbrennung zu sich zu nehmen.

Das klingt wie aus der PR-Abteilung eines Tabakkonzerns. Doch Etter präsentiert sich in der Öffentlichkeit gern als unabhängiger Tabak- und Rauchstopp-Experte und versichert, er habe keine kommerziellen Interessen. Erst ganz hinten in seinem Buch räumt er ein, dass er sich 2012 von einem E-Liquids-Hersteller die Reise nach London und China bezahlen liess. «Das gefährdet meine Unabhängigkeit nicht», teilt er dem Beobachter mit. Und: «Jegliche Zusammenarbeit mit dieser Industrie bleibt ein absolutes Tabu.»

Hartes Urteil für Tabakmultis: Seit Ende 2017 müssen die grossen US-Tabakkonzerne ein Jahr lang Werbebotschaften verbreiten, die vor den Gefahren des Rauchens warnen und darauf hinweisen, dass frühere Werbungen irreführend waren. Diese Botschaften müssen in über 40 Zeitungen erscheinen und auf den landesweiten TV-Ketten CBS, ABC und NBC laufen. 

Methode 5: Breites Lobbying

Die Anstrengungen der Tabakindustrie lohnen sich. 2016 wiesen National- und Ständerat einen ersten Vorschlag für ein neues Tabakproduktegesetz an den Bundesrat zurück. Die bürgerliche Mehrheit wollte nichts wissen von Werbeeinschränkungen für Nikotinprodukte, die toxisch sind und abhängig machen.

Nun liegt der zweite, verwässerte Gesetzesvorschlag bereit. Bis Ende März können sich Parteien und Verbände dazu äussern. Im besten Fall wird sich das Parlament noch auf ein Verkaufsverbot für unter 18-Jährige einigen. Weitergehende Restriktionen sind im zweiten Entwurf kaum denkbar.

 

«Es ist höchst irritierend, dass die Präventionsstellen nun plötzlich Suchtmittel propagieren, um andere Suchtmittel abzulösen.»

Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin

 

Organisiert hat die Front gegen griffige Massnahmen im Umgang mit Tabakprodukten der Gewerbeverband unter Präsident Hans-Ulrich Bigler. Wirksamstes Mittel dabei ist dessen «Allianz der Wirtschaft für eine massvolle Präventionspolitik». Vom Schweizer Fleisch-Fachverband über den Spirituosen- bis zum Casino-Verband stimmen alle in den Chor Biglers ein und poltern: «Nein zur Verbotskultur».

Präventivmediziner und tabakkritische Organisationen ärgern sich über die starke Rolle des Gewerbeverbands in der Diskussion um die Regulierung der Tabakprodukte. Doch kaum jemand nennt Drahtzieher Bigler beim Namen. Nur CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, die in mehreren gesundheitspolitischen Organisationen sitzt, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Bigler und sein Gewerbeverband untergraben alle jahrelangen Präventionsbemühungen auch beim Tabak.» Zudem kritisiert sie diejenigen Stellen, die die neuen Produkte als Rauchstopp-Hilfe propagieren. «Es ist höchst irritierend, dass die Präventionsstellen nun plötzlich Suchtmittel propagieren, um andere Suchtmittel abzulösen. Mich ärgert das.»

Methode 6: Präsenz markieren

Die Entwicklung der neuen Tabakprodukte hat Milliarden gekostet. Jetzt muss sich das Investment auszahlen. Philip Morris hat die Schweiz über die Valora-Kioske bereits mit einem Netz an Verkaufsständen überzogen. Die Botschaft dieser Shops im Shop: Tabakkonsum ist neuerdings gar nicht mehr ein stinkendes Laster, sondern ein sauberer Genuss. Und erst noch cool.

Auf solche Werbung haben Raucher noch immer angesprochen. So lassen sich weiterhin Milliardengewinne einfahren.

Tabakwerbungen seit 1930: Faszinierend verstörend

Zigarettenwerbung von 1969
Zigarettenwerbung Light
Zigarettenwerbung von 1974
Zigarettenwerbung von 1930
Zigarettenwerbung von 1932
Zigarettenwerbung für Frauen
1/22
1930: Über 20'000 Ärzte können sich nicht irren.

E-Zigaretten: Dampf ist nicht gleich Dampf

In der Schweiz ist es seit 2015 verboten, nikotinhaltige Flüssigkeiten für E-Zigaretten zu verkaufen. Konsumenten müssen sie im Ausland beziehen und dürfen bloss 150 Milliliter zum Eigengebrauch einführen.

Dennoch darf der Tabakmulti Japan Tobacco International seit Juli 2017 ein Produkt namens Ploom am Kiosk verkaufen, eine E-Zigarette, die Nikotin freisetzt. Warum?

E-Zigaretten und Ploom fallen unter verschiedene rechtliche Bestimmungen. E-Zigaretten gelten als Gebrauchsgegenstände und unterstehen dem Lebensmittelgesetz. Und Lebensmittel dürfen kein Nikotin enthalten.

Ploom aber profitiert von einer Spitzfindigkeit im Gesetz: Weil das Produkt ein Tabakgranulat enthält, durch das der Dampf gesogen wird, um ihn mit Nikotin anzureichern, fällt es unter das Tabakproduktegesetz. Diese rechtlich ungleiche Behandlung soll mit einem neuen Tabakproduktegesetz behoben werden. Es hätte Anfang 2019 in Kraft treten sollen. Doch das Parlament hat einen ersten Entwurf Ende 2016 abgelehnt. Die revidierte Fassung befindet sich in der Vernehmlassung, das Gesetz soll auf Mitte 2022 in Kraft treten.

Kein Thema im neuen Gesetzesentwurf ist die ungleiche Besteuerung der verschiedenen Tabakprodukte. 

Chantal Hebeisen

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7 Kommentare

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matthias2
Ich frage mich schon, worin die fundierten "Recherchen" des Beobachters bestanden haben - abgesehen davon, die Website von Stan Glantz, einem bekennenden Abstinenzpolitiker und Prohibitionisten, abzuschreiben. Nur so nebenbei, da im Beitrag derart auf der Forschungsfinanzierung herumgeritten wird: Die Abteilung der UCSF, der Glantz vorsteht, wird so gut wie ausschliesslich durch Tabaksteuern finanziert. Er hat also alles Interesse daran, dass weiterhin fleissig Zigaretten geraucht werden. Angesichts der Pseudowissenschaft, die von Glantz und seinen Schülern (darunter auch Felix Auer) produziert wird, ist der Vorwurf der Wissenschaftsfeindlichkeit an die Befürworter von schadensreduzierenden Produkten in der Tat starker Tobak. Die Wissenschaftlichen Erkenntnisse sind (im Unterschied zum als Wissenschaft getarnten Politaktivismus der Prohibitionisten) eindeutig: - Ursache der Gesundheitsschäden bei Rauchern ist der Rauch. Die Verbrennung von organischen Substanzen erzeugt nebst Kohlenmonoxyd tausende schädliche Chemikalien. - Diese Giftstoffe werden von rauchlosem Tabak, e-Zigaretten und Heat-not-burn-Produkten nicht oder in massiv geringerer Menge freigesetzt. - Nikotin ist ein relativ harmloses Genussmittel. In Abwesenheit von Rauch verursacht es keine erheblichen Gesundheitsschäden (vgl. Nicorette etc.). Es verursacht keine drogenbedingte Probleme wie Überdosen, Rauschzustände, Kontrollverlust oder Gewalttätigkeit und ist von da her vergleichbar mit Koffein. - Die bisherigen Methoden der Tabakprävention (massive Besteuerung, Rauchverbote, Werbeverbote, Gruselbilder, "Denormalisierung" - sprich soziale Ausgrenzung und Stigmatisierung der Raucher) haben die Raucherquote in den Industrieländern nicht unter 20-25% zu senken vermocht. - Rauchfreie Tabakprodukte haben das Potenzial, die Raucherquote massiv zu senken. Schweden - als einziges Land der EU, in dem Snus seit je legal ist - hat bei weitem die tiefste Raucherquote aller industrialisierten Länder (5%). - In Ländern, in denen e-Zigaretten frei verfügbar und verbreitet sind (USA, UK), ist die Raucherquote in den letzten Jahren massiv gesunken, insbesondere auch unter Jugendlichen. In der Schweiz, mit ihrem De-facto-Verbot von e-Zigaretten, ist die Raucherquote unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den letzten Jahren wieder gestiegen. Es ist eine traurige Tatsache, dass sich in der Tabakprävention eine Abstinenzideologie ("Quit or die") durchgesetzt hat, die in anderen Bereichen (z.B. Drogenpolitik, HIV-Prävention) längst überwunden ist. Dass dabei die Gesundheit von Millionen von Rauchern aufs Spiel gesetzt wird, indem ihnen eine massiv weniger schädliche Form des Nikotinkonsums vorenthalten wird, ist ein Kollateralschaden, der dabei offenbar in Kauf genommen wird. Den furchtlosen Beobachter-Rechercheuren empfehle ich die folgenden Artikel von Clive Bates, dem langjährigen Direktor der Action on Smoking and Health (ash.org.uk) zur Lektüre: https://www.clivebates.com/the-us-media-is-losing-its-mind-over-vaping-and-juul-the-questions-a-credible-journalist-should-ask/ und https://www.clivebates.com/ten-perverse-intellectual-contortions-a-guide-to-the-sophistry-of-anti-vaping-activists/
reuss
von den miesen Tricks der Tabakindustrie sei noch der mit dem Ablenkungsmanöver auf Radon verwiesen. Aussagen wie: Radon ist, nebst Rauchen, der zweitwichtigste Verursacher von Lungenkrebs motiviert zu Aktionismus der wunderbar vom Hautverursacher ablenkt. Statt bei Jugendlichen konsequente antitabak-Massnahmen zu machen geht man Radon in Schulhäusern messen. Es mindert das Risiko für LK kaum, Rauchen verursacht 200x mehr Lungenkrebs als Radon, aber Mensch darf sich gut fühlen und die lukrative Tabakindustrie bleibt unbehelligt. Sie darf weiterhin bei Jugendlichen Suchtverhalten etablieren und so lebenslange treue Kunden schaffen.
dampfrad
Hab mir das Heft gekauft als ich sah das da ein Artikel über das Dampfen sein sollte. Der Artikel hat nicht wirklich etwas mit Dampfen(Vapen) zu tun. Ich empfehle da den Film „A Billion Lives“ dem Beobachter.
stef null
Ich weiss wie ich mich jetzt fühle. Ich weiss wie ich mich fühlte, als ich Alkohol trank Ich weiss wie ich mich fühlte, als ich kaum noch schnaufen konnte, weil meine Lungen so zu waren. Ich rauchte von 1983 - 2003 Von 1996 - 2003 unternahm ich etliche Versuche aufzuhören. Und immer wieder auf 2 Pack Camel. Ich kann Euch nur sagen, es ist ein wunderbares Gefühl, die Luft tief einatmen zu können, ohne gleich k" zu müssen. Ausserdem ist man bei Erkältungen viel schneller wieder OnBoard. Da kann mir die verlogene Raucherindustrie sagen was sie will. Ich sag nur eins: FU. Ich liebe die Lungen Liga. Ich arbeite nicht für die Lungen Liga. Aber die helfen einem in der Not. Die Raucherindustrie sollte auf Turbinen Luftumsetzung Cigaretten mit Dreckfilter und nicht mit Dreckerzeuger setzen. Die Zigaretten sollten die Luft filtern und mir gute gesunde Luft reinpumpen. Keine angereicherte mit Stoffen, die ich nicht verstehe und die mich töten. Dann könnten sie diese auch in der China Bejing Dreckluft verkaufen. Und Nasenklammern